Silvester feiern mit einem Liebesmord

von Redaktion

Bizets Oper „Carmen“ zum Jahresende in Rosenheimer Kultur- und Kongresszentrum

Rosenheim – Auch wenn „Carmen“ von Georges Bizet nicht unbedingt die Oper ist, mit der man ausgelassen und unbeschwert Silvester feiern will – schließlich wird sie immer tragischer und endet mit einem Mord aus Eifersucht – wollten doch sehr viele genau diese Oper in Feierlaune genießen und füllten das Kultur- und Kongresszentrum. Das Freie Landestheater Bayern mit der Regisseurin Julia Dippel hatte die Oper auf die Bühne gebracht und auf rund zweieinhalb Stunden gestrafft. Es wurde auf Deutsch gesungen, die Spielfassung mit Zwischentexten verwendet.

Julia Dippel gelang so eine augenfällige und bildkräftige Erzählung des Geschehens um die Zigeunerin Carmen, die liebt, wen und wie lang sie will, und dem braven Zöllner José, der ihren Reizen willenlos erliegt. Die Bühne ist immer mit viel Volk bevölkert, von denen jeder etwas Eigenes zu tun hat, die Kostüme waren bunt und gefällig, die Handlung wurde sinnfällig. Die Zigarettenarbeiterinnen raufen im Takt, die Überreichung der Blume an José, die die ganze tragische Handlung in Gang setzt, war deutlichst und bedeutsam herausgearbeitet. Der Chor gruppierte sich immer neu und sang freudig und ausdrucksstark. Unter der Leitung von Rudolf Meier-Kleeblatt spielte das Orchester sängerdienlich, farbig-schillernd und auch dramatisch genug – nur beim ersten Auftritt des Schicksalsthemas wollten Trompete und Posaune sich nicht ganz auf den selben Ton einigen.

Natürlich lebt gerade diese Oper von den Figuren, genauer gesagt, von denen, die sie spielen: Denise Felsecker ist eine hübsche Carmen mit augenblitzeschleuderndem Temperament und Tempo, anfangs läuft sie bloßfüßig und agiert oft breitbeinig, bereit zur Sünde – aber nur, wenn sie es will. Ihre Stimme hat in der Höhe mehr erotische Substanz als in der Tiefe, besitzt aber Fülle und dramatische Kraft. Als Micaela gewann Christina Gerstberger schnell die Sympathien des Publikums, in ihrem groß aufblühenden Sopran lag viel Liebesfähigkeit. Das Publikum hätte ihr die Ehe mit José nur zu gern gegönnt. Schauspielerisch überzeugend als eigentlich ganz normaler Mann, dem die Situation über den Kopf wächst, agierte Markus Herzog als José, sang höhensicher und kraftvoll, seine Blumenarie weckte Anteilnahme, seinen Liebesschmerz am Ende konnte man ihm nachfühlen und in seinem Tenor hören.

Als Torero hätte Philip Scherer seinen flotten Hut besser aufbehalten sollen, die Glatze darunter nahm etwas von seiner behaupteten Virilität, sein Bariton war auch eher ein leichter Spiel- als ein erotisch-dämonischer Bassbariton. In den Nebenrollen glänzten komödiantisch Harald Wurmsdobler und Manuel Riedl als Schmuggler sowie Andreas Flimm als Offizier mit metallenem Bass. Duftig und luftig und durchaus komödiantisch war das Schmuggler-Quintett gesungen.

Die Zuhörer genossen die Oper, sparten nicht mit Zwischenbeifall und überschütteten am Ende alle mit Applaus – trotzdem wäre zum nächsten Silvesterabend eine Spieloper oder Operette wünschenswert.

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