Rohrdorf – Es dauerte nicht lange, bis die ersten Paare dem Aufruf von Johannes Erkes folgten. Gleich zu Beginn des Festivo-Winterkonzerts hatte der Leiter des Aschauer Kammermusik-Festivals das Publikum dazu eingeladen, das Tanzbein zu schwingen. Platz gab es genug: Immerhin war man bei Schattdecor in Thansau, dem Hauptsponsor von Festivo. Für die nötigen Rhythmen sorgte das „Cuarteto Sol Tango“.
Dahinter verbergen sich vier Musiker aus drei Ländern in Europa. Einer kommt aus Oberbayern: Thomas Reif. Der Geiger aus Rosenheim gehört schon längst zur Festivo-Familie. Hier wurde dem Jungtalent einst ein erstes Podium gegeben. Inzwischen sitzt Reif im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BR) in München, wo er derzeit als „Erster koordinierter Konzertmeister“ aktiv ist.
Beim „Cuarteto Sol Tango“ wirkt Reif seit einem Jahr mit. Gemeinsam mit dem Bandoneon-Spieler Andreas Rokseth aus Norwegen ist er damit das jüngste Mitglied der Tango-Truppe. Ins Leben gerufen haben das Quartett der Cellist Karel Bredenhorst aus Holland sowie der Pianist Martin Klett aus Hamburg. Vor zehn Jahren war das. Um dies passend zu würdigen, haben die vier Musiker eine neue CD aufgenommen.
Sie erscheint jetzt im Januar beim Kölner CD-Label „Avi“. „Sin Palabras“ lautet der Titel, ohne Worte, und genau dies war das Motto des Konzerts. Mit dem Auftritt bei Schattdecor hat das Quartett die neue CD vorgestellt. Das Programm reflektiert zentrale Etappen in der Geschichte des Tangos. Zuckende Bewegungen, katzenartige Schritte, enger Körperkontakt, schmachtende Melodien: Der Paartanz aus Buenos Aires ist pure Erotik.
Natürlich durfte Astor Piazzolla da nicht fehlen. Aus dem traditionellen Tango Argentiniens entwickelte er den „Tango Nuevo“. In ihm vereint sich der Tango mit dem klassischen Erbe, Jazz-Elementen und Volksmusiken. Dagegen hat Osvaldo Pugliese schärfende Synkopen und komplexen Kontrapunkt in die Tangowelt eingeführt. Als Kommunist wurde Pugliese während der argentinischen Militärdiktatur verfolgt. Seine Musik wurde nicht gespielt.
Für die „Goldene Ära“ des Tangos stehen hingegen Aníbal Troilo und Juan D’Arienzo. In dem „Orquesta Típica“, das 1937 von Troilo gegründet wurde, spielte Piazzolla das akkordeonartige Bandoneon. Knapp zehn Jahre zuvor hatte D’Arienzo sein eigenes Tango-Orchester ins Leben gerufen. Seine überaus rhythmischen Arrangements brachten D’Arienzo den Titel „König des Takts“ ein.
Diese Geschichte in den modernen Tango wurde von dem Quartett alles andere als trocken präsentiert. Eine sinnliche Reise nach Südamerika ist herausgekommen, noch dazu in kunstvollen Bearbeitungen aus der Feder von Martin Klett. Da schmachteten Geige und Cello um die Wette, während das Klavier fast schon zu einem Schlaginstrument mutierte. Für süße Melancholie sorgten die weiten Klänge des Bandoneons. Wer die Augen schloss, wähnte sich bald in Buenos Aires.