Erl – Für die Nachfolge des suspendierten Dirigenten Gustav Kuhn bei den Tiroler Festspielen Erl brauchte es neue Dirigenten – und erfreulich zahlreiche Dirigentinnen. Für das beliebte Neujahrskonzert war es die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv, die zurzeit Opernchefin in Graz ist. Was ist das für ein Energiebündel und was für ein Kraftübertragungsgenie! Sie zeigt genau, was sie will – und die Musiker des Festspielorchesters antworten, willig, freudig, ja lustvoll, spielen – wie zum Beispiel im „Kaiser-Franz-Joseph-Rettungs-Jubel-Marsch“ von Johann Strauß Sohn – ausgelassen, freudesprudelnd, ja überschäumend vor Spiellust. Oksana Lyniv beherrscht das Riesenorchester perfekt und schafft zum Beispiel in der „Semiramide“-Ouvertüre von Rossini vollendete Geschlossenheit und rhythmische Präzision. Und das Orchester fühlt sich wohl unter dem gestengenauen Dirigat. Charmant gestand sie nach der Pause: „Ich hab mich in diesen Ort verliebt.“ Und das Publikum hat sich schnell in sie verliebt, feiert sie mit Ovationen, Bravo-Rufen und Füßegetrampel.
Insgesamt mag sie es stürmisch schnell, oder – um es mit der Schnellpolka von Strauß Sohn zu sagen, „stürmisch in Lieb und Lust“. Mit rechtem Bläser-Wumms und flottem Schmiss ging’s schon los mit der „Leichte-Kavallerie“-Ouvertüre von Franz von Suppé, auch der „Donau-Walzer“ ging recht beschwingt dahin und in der Schnellst-Polka „Unter Donner und Blitz“ gingen Donner und Blitz fast ununterscheidbar ineinander über. Und so fast glucksend- jodelselig rasch hört man den „Jägerchor“ aus dem „Freischütz“ von Carl Maria von Weber sonst nie.
Der Chor der Tiroler Festspiele hatte auch da keine Schwierigkeiten, sang Chöre von Händel (aus „Zadok the Priest“), Mozart (aus der „Zauberflöte“) und Rossini (die „Cum-sancto-spiritu“-Fuge aus der „Petite messe solennelle“) genau so kraftvoll überzeugend wie die Polonaise aus „Christmas Eve“ von Rimsky-Korsakov, die Oksana Lyniv ganz liebevoll zelebrierte. Aber auch Vivaldis „Gloria“ kennt sie so gut, dass sie den Tenören die harmonieverändernden Töne genau anzeigen kann.
Ein besonderes Programm-Schmankerl waren „Die Mozartisten“ von Franz Lanner: Nach der Einleitung mit „Zauberflöte“-Motiven ging’s dahin im Walzer-Geschwindschritt – und erstaunt hörte man, wie viel Mozart-Musik sich auf den Walzertakt bringen lässt: besser Walzer tanzen mit Mozart! In der – einzigen – Zugabe gaben alle nochmal kräftig Gas im martialisch, fast brachialisch-orgiastisch hingefetzten „Säbeltanz“ von Aram Chatschaturjan: Erl hat einen neuen Lieblingsdirigenten, Pardon: Lieblings-Dirigentin.