Rosenheim – Dass Professor Jochen Golz trotz Witterungsunbilden nach Rosenheim zur Goethe-Gesellschaft gekommen war, lag wohl nicht zuletzt am Titel seines Vortrags „Sorglos über die Fläche hinweg – Goethe auf Reisen“. Immerhin hatte sich der Dichter im Winter 1777 ja durch Schneemassen auf den Brocken gekämpft.
Im Künstlerhof am Ludwigsplatz berichtete Golz vor zahlreichen Zuhörern detailliert und sachkundig über Goethes vielfältige Motive des Reisens. Goethe habe das Reisen keineswegs missbilligt, was fälschlicherweise oft behauptet werde. Obgleich der Dichter nie in London, Wien oder Paris war, besuchte er doch immer wieder die böhmischen Bäder. So habe er dort 1114 Tage verbracht, in Italien aber insgesamt nur 683 Tage. Goethe reiste als junger Mann zu Fuß, etwa von Weimar nach Großkochberg, wo Charlotte von Stein wohnte, und zu Pferd, etwa in den Harz, später sogar in der eigenen Kutsche. In den Gedichten „Wanderers Sturmlied“ und „An Schwager Kronos“ habe er die unterschiedlichen Formen des Reisens poetisch verewigt.
„Reisen war früher ein mühseliges und gefährliches Geschäft“, erklärte Golz. Als Goethe im Juli 1816 noch einmal zu Marianne von Willemer reisen wollte, kippte gleich hinter Weimar die Kutsche um, was er als ein schlechtes Omen ansah und deshalb auf die Fahrt nach Frankfurt verzichtete. Goethe reiste auch gern auf dem Wasser, wovon seine Rheinfahrten und das lebensfrohe und zuversichtliche Gedicht „Auf dem See“ zeugten.
Für Goethe sei das Reisen laut Golz symbolisch für das menschliche Leben. Bei gefährlichen Seefahrten, die zugleich Symbole für Hoffnungen und Risiken des Lebens seien, vertraute er den Göttern. Über die Fläche des Eises zog der geübte Schlittschuhläufer sorglos hinweg. 1810 aber schrieb er in sein Tagebuch: „Wir stolpern wohl auf unserer Lebensreise.“
Goethes Reisen waren an Zwecke und Ziele gebunden, hatten aber auch Fluchtcharakter, etwa die Reise nach Italien 1786. Der Dichter hat sich selbst kennen lernen wollen. Frei, unbefangen, den Eindrücken hingegeben, wollte Goethe etwa in Neapel nicht in nobler Abgeschiedenheit leben, sondern mischte sich direkt unters Volk. Für den Dichter bedeutete die Reise nach Italien Wiedergeburt, Häutung und Verjüngung.
Goethe reiste immer auch in die Welt des Geistes. Gut informiert war er über Nordamerika. Hätten ihn reale Reisen von Weimar nach Westen geführt, habe er im west-östlichen Divan geistige Reisen nach Osten unternommen. An seinem Lebensende fand der Dichter sogar noch Zugang zur altchinesischen Kultur, gemäß seiner Empfehlung: „Nun denn! Eh wir von hinnen eilen,/Hast noch was Kluges mitzuteilen?/Sehnsucht ins Ferne, Künftige zu beschwichtigen/Beschäftige dich hier und heut im Tüchtigen.“ Georg Füchtner