Britten, Bruch und Meer

von Redaktion

Meisterkonzerte Arabella Steinbacher und das Royal Philharmonic Orchestra im Kuko

Rosenheim – In den letzten beiden Jahren wurden in den Meisterkonzerten zwei Geigerinnen präsentiert, die gegensätzlicher nicht hätten sein können: Isabelle Faust, bohrend-intellektuell und zugleich hochexpressiv, lehrte uns Brahms‘ Violinkonzert ganz neu zu hören, und nun entzückte Arabella Steinbacher, die „Virtuosin mit dem transparenten silbernen Ton“ durch ihre so selbstverständlich wirkende Interpretation von Max Bruchs berühmtem 1. Violinkonzert in g-Moll.

Der Meister beschimpfte weiland die deutschen Violinisten, weil alle an seinen beiden weiteren Konzerten schnöde vorbeigingen. Nun aber hatte man das Gefühl, als habe Bruch seinen spätromantischen Dauerbrenner einzig für die Maestra Steinbacher geschrieben. Der begeisterte Jubel im vollbesetzten Kultur- und Kongress-Zentrum ließ vermuten, dass auch das Publikum dieser Meinung war.

In Westermanns Konzertführer erfahren wir, Bruchs „lyrisches Empfinden“ scheue sich nicht, „die Sentimentalität zu streifen“. An diesem Abend war davon nichts zu spüren: Die weitausladenden Kantilenen im romanzenhaften langen Mittelsatz lud die Solistin immer wieder mit Spannung auf – ohne zu forcieren. Die zugeführte Energie entwickelte sich fast unmerklich und völlig organisch.

Ein besonderer Augenblick: Die Streicher setzten synchron mit der Solo-Geige im allerzartesten Pianissimo zu einer neue Phrase an. Die an der unteren Hörgrenze dennoch gewahrte farbliche Trennschärfe von Solo und Tutti, die Präzision und die Durchsichtigkeit des Zusammenklangs lösten eine fast rauschhafte Euphorie aus! Dass die ungarisch eingefärbte rasante Virtuosität des letzten Satzes eine Zugabe der Solistin erfordern würde, war vorauszusehen.

Auch die obere Hörgrenze wurde immer wieder angesteuert. Dafür sorgte mit engagiertem Schwung und englisch-lässiger Professionalität das allein schon quantitativ beeindruckende „Royal Philharmonic Orchestra“. Der junge französische Dirigent Lionel Bringuier hielt den Riesenapparat unaufgeregt und ohne Herrschergebärden in festen Händen.

Das mächtige, immer punktgenau einsetzende Blech schwang sich mitunter zu gleißenden Klangeruptionen auf – mit leichtem Drall ins Grelle. Doch schließlich war ja Sturm angesagt, zunächst in den „Vier See-Zwischenspielen aus Peter Grimes“ von Benjamin Britten und schließlich am Ende von Nikolai Rimsky-Korsakows „Scheherazade“, einer Programmmusikfolge nach Motiven aus „1001 Nacht“. Da zerschellt ein Schiff „an einer Klippe unter einem bronzenen Reiter“. Nun legt sich auch der Sturm im Busen des Kalifen: In dieser Reiterstatue sieht er seine eigene seelische Erstarrung, aus pauschalem Frauenhass wird jetzt Liebe. Scheherazades Erzählung war also beste Psychotherapie…

Schon bei Britten konnten die Engländer eine glänzende Visitenkarte abgeben. Die vielen unterschiedlichen Ausdrucks-Charaktere dieser Meeres-Musik forderten den jeweils richtigen Zugriff der Instrumente, den Schmelz, aber auch dramatisch zugespitztes Prestissimo der Streicher, pastoses Volumen der Bläser und die scharf akzentuierte Aktion von Pauken, großer Trommel, Glocken und Gong.

Diese Anforderungen steigerten sich in Rimsky-Korsakows „Scheherazade“ beinahe ins Gigantisch-Monströse: In der gut 40-minütigen Suite beherrschen orientalisch leuchtende Kulissen die Szene, der Hörer wird in eine Orgie aus Gold und Purpur hineingezogen, er wird mitgerissen von peitschenden Rhythmen und überschäumenden Tanzmotiven. Unterbrochen werden diese Breitwand-Szenen durch das Fabulieren der um ihr Leben bangenden Scheherazade. Da erzeugen Solovioline (souverän der ungenannte Konzertmeister) und Harfe eine intime Atmosphäre, bevor sich wieder die Riesen der Orchesterinstrumente, Tuba und Kontrafagott mit ins Getümmel stürzen und die schwindelfreien Holzbläser eine raffinierte Klangpalette zaubern.

Das Rosenheimer Publikum lässt sich nicht direkt dazu hinreißen, im Stehen zu applaudieren, doch der Beifall war überaus herzlich, ja enthusiastisch und ausdauernd. Die Gäste von jenseits des Kanals waren sichtlich erfreut über die kontinentale Sympathiebekundung und bedankten sich mit einer Zugabe von reinstem englischen Zuschnitt, einem klangsatten Stück aus Edward Elgars „Enigma-Variationen“.

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