Prien – Was für ein Ensemble: Henning Sieverts am Bass als Echo-Jazzpreisträger mit 120 CD-Einspielungen. Florian Trübsbach an diversen Saxofonen als Professor an der Hochschule für Musik in München und Staatsförderpreisträger. Dazu Rainer Böhm am Klavier, Träger des Neuen Deutschen Jazzpreises 2016 als Solist – er war vor Kurzem mit Lutz Häfner an einer Aufzeichnung des Bayerischen Rundfunks beteiligt. Und nicht zuletzt Bandleader Bastian Jütte, der beim Echo Jazz im Jahr 2013 als bester Schlagzeuger ausgezeichnet wurde. Das Quartett erhielt 2016 den Neuen Deutschen Jazzpreis.
Umso besser, dass diese edle Formation den Weg nach Prien gefunden hat in das fein gestaltete Bauernhaus von Birgit und Martin Hirner zur exquisiten Veranstaltungsreihe „Jazz am Roseneck“ vor zahlreich erschienenem Publikum.
Es ging gleich mitten hinein, mit einem langen, vertrackten Stück („Rainers Metamorphosen“), einem komplexen Miteinander voller kreativen Verschmelzungen. Ein langes, klischeefreies Bass-Solo von Sieverts leitete über zu rasanten, rhythmisch geprägten Passagen im Up-Tempo, zu denen Florian Trübsbach ein feines und melodisches Saxofon beisteuerte, wunderbare Soundlandschaften kreierend.
Das Motto des Quartetts lautet wie der Titel des Albums „Happiness is overrated“ („Glück wird überbewertet“). Die Musik pendelt daher zwischen den Kontrasten Melancholie und Freude, wie im Titelstück der CD. Die Raffinesse der Rhythmusgruppe entwickelte hier einen glasperlenartigen Klang.
Für minimalistisches Tastenspiel von Rainer Böhm und unkonventionelle Schlagzeugbeats von Jütte gab es Szenenapplaus. Wiederum kam es Trübsbach zu, zu zauberhaften Höhenflügen mit dem Sopransaxofon anzusetzen. Hochkomplex ist das Zusammenspiel der vier Ausnahmemusiker, es regt unbekannte Gehirnwindungen an und weniger den harmoniesüchtigen Bauch. Stets sorgt einer für kreative Unruhe und Bewegung.
Kürzlich stellte Jazzpianist Chris Gall in Bad Aibling seinen „Room of silence“ vor, jetzt intonierte das Quartett einen „Room of sadness“, schön „smooth“ und mit ultraweich gespieltem Tenorsaxofon. Und wie sich das Stück mit seinen komplexen Kaskaden steigerte! Es entwickelte eine ungeheure innere Dynamik, labyrinthisch und auf Nebenwegen schraubten das Quartett Tempo und Intensität auf der Skala nach oben, bis hin zu einem in famosen Saxofonpassagen Trübsbachs ausgedrückten Aufschrei. Quasi zum Ausruhen bekam dieser eine Pause, die das Duo Sieverts und Böhm mit einer Improvisation an Bass und Piano füllte.
Gegen Ende des Auftritts geriet der Sound in Nuancen etwas populärer, mit feinen Soulpassagen in den „Seven days“ und der traurigen Ballade „Nobody’s Song“. Das großartige, von den begeisterten Gästen umjubelte Finale gehörte „Sahel“ mit treibendem Duktus.