Bad Aibling – Ganz unerwartete politische Aktualität hat die aktuelle Ausstellung in der Galerie Villa Maria gewonnen. Während in den Nachrichten über den Machtkampf in Venezuela berichtet wird, sind in den Räumen in der Rosenheimer Straße 43 unter dem Titel „Sempiterno“ („Immerwährend“) Bronzeskulpturen und Zeichnungen des jungen deutsch-venezolanischen Künstlers Alejandro Calderón Jaffé zu sehen. Sein Thema: Das Phänomen der Macht der Herrschenden und derjenigen, die sich ihrer bemächtigen.
Der Adler hat es Jaffé angetan, ist der Raubvogel doch von jeher ein Wappentier, das für Macht, Herrschaft und militärische Kraft steht. „Adler“ hat er einen Zyklus von sepiafarbigen Tuschezeichnungen genannt, die in ganz unterschiedlichen Herangehensweisen das Thema Macht auf sehr persönliche Weise umkreisen. Abstrakte Formen sind dabei, oft mit dunklen Flächen im Mittelpunkt, dann wieder düstere Waldszenerien, die vom Schein eines Feuers im Hintergrund beleuchtet sind, dann wieder gegenständliche verwüstete, rauchende Landschaften, die von einem Krieg oder einer Naturkatastrophe zerstört zu sein scheinen.
Beeindruckend sind die Bronzearbeiten, die in Wachsausschmelztechnik gefertigt sind, wodurch jede Skulptur ein Unikat ist.
Mit „Aguila volando“ („Fliegender Adler“) schafft Jaffé das eigentlich Unmögliche: Mit einer schweren, auf dem Boden verhafteten Bronzefigur das Phänomen des Fliegens darzustellen. Auf drei Kontaktpunkten steht die Skulptur, die nur aus Schwingen, Federn und Krallen besteht und kein Oben und Unten zu kennen scheint. Die Anatomie schert Jaffé wenig, er lässt Körperteile wie den Kopf ganz einfach weg, konzentriert sich ganz auf Dynamik und Ausdruck. Es ist eine Arbeit, die die Schwerkraft gleichsam aufhebt, gewalttätig im Ausdruck, dem roh anmutenden Bronzematerial entsprechend.
Die minimalistische Gestaltung spart unwichtige Details aus, die kraftvollen Figuren sind auf eine ausdrucksstarke, erstarrte Bewegung zurückgenommen. Das sieht man sehr schön in der Bronzearbeit „Cargadores“ („Träger“), die die Anmutung von unter Last gebeugten Figuren vermittelt.
Das gilt auch für die elfteilige Gruppe „Exodo“ („Exodus“). Nur wenige Zentimeter groß sind die kleinen Bronzefiguren. Sie stellen Gestalten dar, die sich dahinschleppen, gebeugt sind vor Schwäche, zusammengebrochen vor Erschöpfung.
Hier spiegelt sich wohl auch die persönliche Erfahrung von Alejandro Calderón Jaffé: Er ist in Venezuela aufgewachsen, besuchte dort eine deutschsprachige Schule, hat Diplome als Grafikdesigner und Fotograf in der Tasche und obendrein eine Lehre als Koch absolviert. Doch der Sohn deutschstämmiger Eltern sah in Venezuela keine Zukunft für sich. In Deutschland studierte er Bildhauerei bei Professor Bruno Raetsch an der Kunsthochschule Burg Giebichstein in Halle. Erst vor wenigen Tagen bekam er sein Diplom als Bildhauer – mit Auszeichnung – ausgehändigt.
Die Erfahrungen, die er in Venezuela – einem politisch zerrissenen Land, das trotzimmenser Ölvorkommen von Armut und Krisen geprägt ist – gemacht hat, prägen seine Arbeiten. Es sind politische Arbeiten, die Gewalterfahrung thematisieren und empathisch mit den Opfern fühlen, ohne plakativ oder gar mit dem erhobenen Zeigefinger daherzukommen.
Mit der Entscheidung, Jaffé einzuladen, ist das Galeristen-Ehepaar Constanze und Ernst Geyer ein Wagnis eingegangen: Ein junger Künstler, der erst sein wenigen Tagen sein Bildhauer-Diplom in der Tasche hat und auch nicht aus der Region stammt. Doch es ist ein Wagnis, das sich gelohnt hat. Die sehenswerte Ausstellung beweist es.