Die Grenzen des Dialogs

von Redaktion

Die Legitimität von Gewalt: Das Ensemble „Innszenierung“ führte Daniel Kehlmanns Stück „Heilig Abend“ auf

Rosenheim – Ein zellengroßer Käfig, grell und kalt ausgeleuchtet, darin ein Tisch, ein paar Stühle. Noch ehe bei der Premiere von „Heilig Abend“ in der Aula des Karolinengymnasiums auch nur ein Satz gesprochen wurde, war die beklemmende Wucht des von Regisseur Sebastian Kießer und Maximilian Dominik Huber realisierten Bühnenkonzepts abzusehen, das mit einem die Bühne von allen vier Seiten umschließenden Zuschauerraum Assoziationen mit Austragungsorten von Kampfsportwettkämpfen weckte. Und tatsächlich schreckte die Inszenierung auch vor dem Umschlagen von verbaler in körperliche Gewalt nicht zurück.

Gewaltanwendung und ihre Legitimität bildet das Kernthema von Kehlmanns Stück, das vor zwei Jahren uraufgeführt wurde: Polizist Thomas (Elias Andrich) verhört die Philosophieprofessorin Judith (Katharina Anna Deckenbach), die er verdächtigt, eine Bombe gelegt zu haben, die um Mitternacht des Heiligen Abends explodieren wird. Die Handlung startet um 22.30 Uhr am Weihnachtsabend und endet um Mitternacht. 90 Minuten also, in denen der Polizist der Professorin ein Geständnis, eine Erklärung abzuringen versucht, ein Ringen unter dem Damoklesschwert der möglichen Detonation.

Judith bekennt sich zur Anwendung von Gewalt als legitimem Mittel, ungerechte Systeme zu bekämpfen, Thomas bekennt sich zum Rechtsstaat, dem er dient. Er ließ sie beschatten und abhören, weiß alles über sie – und kann sie doch nicht verstehen. Selbstverständlich vermeidet es Kehlmanns Text – und auch Kießers Inszenierung –, eindeutig Partei zu ergreifen. Dennoch: Es handelt sich hier mitnichten um eine unauflösbare Pattsituation. Die kommt in dem Maße nicht zustande, in dem sich kein echter Dialog zwischen Thomas und Judith entwickelt.

Elias Andrich forcierte über die gesamte Länge des Stücks das stereotype Bild des cholerischen, mit seinem Kaffeebecher und seiner festgefügten Weltanschauung verwachsenen „Bullen“, der alles in bekannte und profane Erklärungsmuster einordnen können muss: Geld, Liebe, Eifersucht.

Zwar brillierte Andrich als ein solcher gestresster Herold des gesunden Menschenverstandes, seinem brüllenden Spiel eignete jedoch eine Statik, die sich leider alsbald als Vorhersehbarkeit niederschlug.

Eine wirkliche Behandlung der Frage nach der möglichen Legitimität von Gewaltanwendung ist in dieser Konstellation nicht denkbar. Die Spannung des Stücks, sowie sein Irritationspotenzial entzünden sich vielmehr daran, ob die Erklärungsmuster des Polizisten nicht doch viel eher ins Schwarze treffen als alle idealistische Gesinnung.

Hier bewies Katharina Anna Deckenbach das nötige feine Gespür, das allein das Stück in fragiler Balance zu halten vermochte: Wirkte ihre Judith gegen Aldrichs ohne Aufwärmphase zum Angriff übergehenden Thomas zunächst fast quälend unterbestimmt, so gelang es ihr im Laufe der Aufführung, diese Unterbestimmtheit positiv zu setzen: Eine bis zuletzt fragwürdige Antigone zwischen Idealismus und Fernsehkrimi-Logik als Handlungsmotivation.

Das junge Ensemble wagte sich erfolgreich an diesen schmerzhaften Versuch eines Dialogs heran, wo (vermeintlich) Schweigen die einzig vernünftige Option wäre. Den beiden Schauspielern Elias Andrich und Katharina Anna Deckenbach gelang es souverän, die nach vier Seiten hin offene Bühne zu bespielen und die raumgreifende Spannung im Angesicht der tickenden Uhr, sowie der kollidierenden Weltanschauungen auf je eigene Art zu kanalisieren.

Noch zwei Termine

Weitere Aufführungen sind morgen, Donnerstag, und Samstag, 9. Februar, um 19.30 Uhr. Karten gibt es unter www.innszenierung.de.

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