Rosenheim – An der Küste Andalusiens, der Wiege des Flamenco, stehen in strategischen Abständen Wachttürme, von denen aus Leuchtfeuer vor Angriffen der Freibeuter warnten. Doch manchmal geht es auch andersrum – dann besuchen die Flamenco-Virtuosen die Korsaren, so geschehen im „Le Pirate“. Denn zum Neustart des Clubs (wir berichteten) gastierte dort die in Südfrankreich lebende Flamenco-Tänzerin Anette Darda gemeinsam mit ihrem famosen Ensemble.
Der Auftakt des Quartetts war eine Einstimmung in quirliger Atmosphäre, es kamen verspätete Besucher und noch suchte man Konzentration. Doch nach einigen Strophen des absolut fokussierten Sängers Mateo Campos, begleitet von Antonio Cortes an der Gitarre, stellte sich die Stimmung nach und nach ein. „La Maruja“ (übersetzt in etwa das „Ratschweib“) Anette Darda erhob sich und entwickelte eine ausdauernde, lange Tanzdarbietung. Weiblichkeit, Anmut und Bestimmtheit voller Charakter und Temperament zeichneten den Tanzstil der unter anderem von den „Gipsy Kings“ gebuchten Flamenco-Interpretin aus.
Sowohl Gesang als auch Gitarre setzten fortan tolle Akzente in Soli wie im Duo und im weiß gekalkten „Le Pirate“ wähnte man sich wie in einer Flamenco-Höhle im Sacromonte-Viertel Granadas. Dann der erste große Auftritt von Olivia Muriel Roche: In ihrer Biegsamkeit an eine Turnerin erinnernd, präsentierte die in München lebende Tanzlehrerin und Sängerin eine komplexe Choreografie voller anmutiger, exakt auf den Punkt getanzter Drehungen und Gesten mit packender Farbgestaltung und setzte als „i-Tüpfelchen“ noch den Fächer ein. Den brauchte sie auch zur Sauerstoffversorgung danach, denn die lange Choreografie forderte höchste Konzentration.
Campos ließ mit seiner sich überschlagenden Stimme die ganze Wehmut der andalusischen Seele erklingen: „Me siento prisionero y perdido“ konnte man heraushören: „Ich fühle mich als Gefangener und verloren“.
Das Publikum im vollen Club genoss das intensive Konzert und spendete dem Instrumentalduo Campos und Cortes (Cajón und Gitarre) begeisterten Applaus. Die beiden zauberten einen wundervollen Klangteppich in den Raum. Ein weiterer Höhepunkt war ein „Tango Flamenco“, abermals getanzt von Olivia Muriel Roche – großartig!
Doch das Quartett hatte ein weiteres Augen- und Ohrenschmankerl im Programm: Zu einer Sevillana, diesmal folkloristisch mit Kastagnetten angereichert, standen beide Tänzerinnen auf der engen Bühne und zelebrierten mit dem Feuer des Flamenco ein wahres Tanzspektakel. Für Pächter Wolfgang Lentner und den neuen Förderverein, tatkräftig unterstützt von Gattin Antje und einem Helferteam, war das Konzert sowohl künstlerisch als auch von der Resonanz her ein Traumstart. So kann es weitergehen.