Beklemmende Unerbittlichkeit

von Redaktion

Martin Pfisterer liest Büchners „Lenz“

Rosenheim – Georg Büchner hat den Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz mit seiner dramatischen Erzählung „Lenz“ unsterblich gemacht. Der Autor der Stücke „Die Soldaten“ und „Der Hofmeister“ litt, nachdem er von mehreren Frauen abgewiesen wurde, an einer psychischen Krankheit. 1778 verbrachte er kurze Zeit zur Erholung bei dem evangelischen Pfarrer Johann Friedrich Oberlin im elsässischen Waldersbach. Trotz der Fürsorge von Oberlin verschlimmerte sich sein Gesundheitszustand immer weiter.

Büchner verwendete die Aufzeichnungen Oberlins über die Erlebnisse mit Lenz als Grundlage für das Psychogramm eines kranken Mannes, das er mit Naturbeschreibungen atmosphärisch ergänzte und verstärkte. Der Sprechtrainer und Rezitator Martin Pfisterer las auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Rosenheim im Künstlerhof vor zahlreichen Zuhörern die vollständige Erzählung des erst 21-jährigen Dichters.

Mit seiner ausdrucksstarken Vortragskunst zog Pfisterer das Publikum in seinen Bann. Im Tonfall mal poetisch zart, mal kalt und düster, machte Pfisterer unwirtliche Gebirgslandschaften lebendig, die genial die innere Zerrissenheit des Protagonisten widerspiegelten. Immer wieder wird Lenz von Wahnvorstellungen gepeinigt, die den Pfarrer überfordern und ratlos machen. Stark war die Szene, als Lenz in einem Monolog die Kunstauffassung des Idealismus kritisiert, bedrückend und aberwitzig, als er versucht, ein verstorbenes Kind mit Gebeten zum Leben zu erwecken. Bei dem traurigen, von Pfisterer wehmütig intonierten Lied der Magd lief dem Hörer ein kalter Schauer über den Rücken.

Pfisterer verstand es meisterhaft, sich in die Seelenlage der Personen hineinzuversetzen. Der gutmütig-geduldige Pfarrer Oberlin bildete zum ungläubigen, psychisch kranken Lenz einen krassen Gegensatz. Wenn Lenz in seine Wahnvorstellungen verfällt, steigerte Pfisterer immer wieder das Sprechtempo. Mit einer metallisch harten Stimme erzeugte er eine beklemmende Unerbittlichkeit und Ausweglosigkeit.

Die Einsamkeit des Dichters, in dem schließlich alles „leer und hohl“ wird, brachte Pfisterer ergreifend zum Ausdruck. Für Lenz, der beruflich scheiterte und früh starb, hat die Welt einen ungeheuren Riss: „Er hatte keinen Haß, keine Liebe, keine Hoffnung, eine schreckliche Leere und doch eine folternde Unruhe, sie auszufüllen. Er hatte Nichts.“Georg Füchtner

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