Bad Endorf – Im Kulturhotel Endorfer Hof in Bad Endorf wuselt es, aus allen Zimmern klingen Arienfetzen, auf dem Gang warten junge Sänger im Smoking und junge Frauen im Abendkleid nervös auf ihren Auftritt: Es ist der erste Entscheidungstag des elften internationalen Gesangswettbewerbs Immling.
Eine der hoffnungsfrohen Sängerinnen ist Stefanie Wagner, 25 Jahre alt, aus Dinkelscherben bei Augsburg, die an der Musikhochschule Würzburg im Sommer ihren Bachelor in Gesang machen wird. Gerade hat sie die Arie des Ännchen aus dem „Freischütz“ von Carl Maria von Weber gesungen: „Kommt ein schlanker Bursch gegangen.“ Viele schlanke Burschen begegnen ihr hier, doch Stefanie übernachtet mit ihrem Mann, der auch Sänger ist, in einer Ferienwohnung in Bad Endorf. „Ich bin da sportlich“, sagt sie lebensfroh strahlend. Sie hat schon an mehreren Gesangswettbewerben teilgenommen. Ihr persönliches Ziel ist es, „nicht gleich am Anfang rauszufliegen.“ Das hat sie geschafft.
Stefanie ist eine der wenigen deutschen Sängerinnen; die meisten kommen aus China und Korea, insgesamt aus 23 Nationen. Im Zehn-Minuten-Takt stürmen sie in den geräumigen Hotelsaal mit guter Akustik, singen ein Lied und eine Arie und entschwinden wieder. Alles ist bestens organisiert, jeder weiß, in welchem Salon er sich einsingen kann und welcher der drei Klavierbegleiter der seine ist. Als Lied wählen viele eins von Richard Strauss – vermutlich, weil diese mit ihren weiten Gesangslinien besser zu ihren üppigen Opernstimmen passen. Seltener werden Schubert-Lieder gewählt, die dann, wie durch Yohan Ji, bassbaritonal verunstaltet werden. Stefanie hat sich das Lied „Aufträge“ von Robert Schumann ausgesucht, das gut zu ihrem natürlich-mädchenhaftem Sopran passt. In einigen Metern Entfernung von den Sängern sitzt die fünfköpfige Jury: Immlings Intendant Ludwig Baumann, Professor Frieder Lang von der Münchener Musikhochschule, Professorin Marga Schiml von der Musikhochschule Karlsruhe, der Sängeragent Kalle Kanttila und der Ex-Banker Dr. Peter Czernin. Vor sich haben sie dicke Mappen mit den Beschreibungen der Sänger und den gewählten Arien und Liedern: Fünf müssen sie nachweisen, Ludwig Baumann sagt dann, welche er jetzt hören möchte. Entschieden wird nach einem Punktesystem in vier Kategorien: Stimmqualität, Stimmtechnik, Musikalität und Bühnenpräsenz. Für jede Kategorie gibt es höchstens zehn Punkte, insgesamt also höchstens 40 Punkte. Wie hat sich Stefanie vor dieser Jury gefühlt? „Ich versuch’s zu vermeiden, direkt hinzuschauen“, sagt sie.
Bewundern muss man die Jury für ihre Konzentrationsleistung: Aus 78 Sängern müssen sie in zwei Runden zwölf auswählen. Als gewöhnlicher Zuhörer klingeln einem nach ein paar Sängern schon die Ohren und irgendwann kann man kaum eine der Sopranistinnen von der anderen unterscheiden. Da hat die Bühnenpräsenz, das gewinnende oder potente Auftreten, schon einen gewichtigen Stellenwert. So meint Kalle Kanttila: „Der moderne Sänger bringt nicht nur eine hervorragende Stimme mit, sondern kann gut spielen, ist ein guter Musiker und beherrscht alle wichtigen Opernsprachen: Deutsch, Italienisch, Französisch und Russisch.“
Frieder Lang sucht „Sänger, die mit ihrer Stimme zaubern, jonglieren, die Töne mit schönen Vokalfarben holen.“ Und weiter: „Am schönsten singt ein Sänger, wenn er es schafft, seine Stimme laufen zu lassen, wenn er authentisch ist.“ Für Marga Schiml sind „Stimmqualität, Musikalität, Persönlichkeit und Charakter wichtig.“
Stefanie hat all dies, sie agiert wendig, lässt ihre Augen kapriziös rollen, breitet ihre Arme aus, singt mit immer voller raumfüllender Stimme (die sie vielleicht dynamisch variabler handhaben könnte) und wirkt rundherum gewinnend sympathisch. „Ich hab viel Spaß an den vielen Tönen“, lacht sie. Nach ihr singt unter anderem Ksenija Belolipetskaya mit dunkelfülligem Sopran ein Lied von Rachmaninow, Shimon Yoshida mit geschicktem Einsatz der Kopfstimme eine Tenor-Arie von Rossini, Huyana Lim mit durchdringendem Sopran die Schmuck-Arie aus Gounods „Margarete“, Xuewei Liu mit großer Alt-Stimme die Arie der Dalilah aus „Samson et Dalilah“ von Camille Saint-Saëns, Teaa An ganz neckisch die Arie der Rosina aus dem „Barbier von Sevilla“ – und dann übertrumpft alles Myungin Lee mit der Arie des Rodolfo aus Puccinis „La Bohème“: ein hell strahlender Tenor mit geradezu überbordender Stimmfülle und doch leichtem Stimmansatz.
Am Abend werden die Gewinner bekanntgegeben: Yohan Ji ist dabei, Teaa An und natürlich Myungin Lee. Stefanie Wagner nicht. Sie nimmt es sportlich.
Am Samstag, 2. März, um 18 Uhr ist das Finale im Festspielhaus Immling mit den von Kai Röhrig geleiteten Bad Reichenhaller Philharmonikern. Die Zuhörer können auch mitmachen, sie küren den Publikumspreisträger. Karten gibt es unter Telefon 08055/9034-0 oder unter www.immling.de online.