Grassau – Ingolf Turban, ehemaliger Erster Konzertmeister der Münchner Philharmoniker und jetzt Professor an der Münchner Musikhochschule, hatte in der Villa der Wolfgang-Sawallisch-Stiftung in Grassau einen einwöchigen Meisterkurs für internationale junge Geiger gegeben. In einem Abschlusskonzert stellten sich elf Teilnehmer mit ihrem erarbeiteten Stück vor, die Werke reichten von Bach bis Prokofjew.
Das erste Prokofjew-Stück erklang gleichsam als Anfangsfanfare vom Balkon: Mit noch schroffer Energie und etwa geringem Mut zur Betonung der Kontraste, aber technisch sauber, spielte Anna Böhm das Moderato aus der Violinsonate op. 115. Dann kam zweimal Bach: Leuchtende Spitzentöne und tänzerische Anmut prägten die Gavotte en Rondeau aus der Partita III BWV 1006 in der nicht ganz schlackenlosen Interpretation durch Leonie Herteux, die nicht jede Phrase bis zum Schluss ausformte. Mit nur leichtem Bogendruck und damit reinem Ton, sorgfältig und sich der Fugen-Tektonik bewusst, bot Victor Pevernagie die Fuge aus der g-Moll-Sonate BWV 1001.
Ab nun saß Tomoko Sawallisch, die Nichte des berühmten Dirigenten, am Flügel. Laura Gallega Moreno hatte Mozart gewählt, das Adagio aus dem A-Dur-Violinkonzert. Die sehr junge Geigerin achtete vor allem auf schöne aufblühende Töne, hat aber noch nicht das Gefühl für das vollständige Aussingen der weiten Melodiebögen, wurde aber im Verlauf des Stückes immer sicherer und damit intensiver und inniger.
Rosa Wember kann Melodiebögen ziehen, gliedern, dramatisch aufbauen und abrunden. Das bewies sie, auch mit unterstützendem Körpereinsatz, in Kopfsatz der A-Dur-Sonate von Franz Schubert. Ausdrucksstark und auch variabel im Ausdruck, unsentimental und fast ein bisschen „keusch“ spielte Tabea Schwarzenberg das Nocturne von Lilli Boulanger.
Nach der Pause kamen die gewichtigeren Stücke. Als „vivo“, also lebendig, ist das Allegro der Violinsonate von Claude Debussy charakterisiert, und lebendig mit vollem Bogenstrich war auch das Spiel von Johanna Strümpel. Mit feinem und differenziertem Spürsinn folgte sie den Stimmungsveränderungen dieses spannungsvollen Sonatensatzes.
Die seelenvolle Melancholie der „Serenade mélancholique“ op.26 von Pjotr Tschaikowsky reizte Lisa Beer nicht ganz aus, aber sie gefiel mit vollem, bisweilen auch geschärftem Ton und großer Bandbreite dieses Geigentones. Technisch sauber, aber etwas mechanisch war der von Iori Yamaguchi gespielte Kopfsatz des Violinkonzertes Nr. 2 von Sergej Prokofjew.
Den Schlusspunkt setzten zwei Geiger: Als „einsamen Gesang, geschrieben in finsterer Nacht“ beschreibt Bernd Feuchtner in seiner Schostakowitsch-Monografie das Nocturne des Violinkonzertes Nr. 1 von Dmitri Schostakowitsch. Jakob Kammerlander gestaltete diesen Gesang mit expressivem Portato und fein dosiertem Vibrato, zog nachdrücklich weite Melodiebögen und baute Spannung auf bis zum ersterbendem letzten hohen Ton: eine vor allem interpretatorische Leistung.
Einen echten Publikumsreißer servierte der junge Peer Bohn mit der „Polonaise de Concert“ von Henri Wieniawski, saftig souverän bis hin zu den aufpeitschenden Spitzentönen – wenn auch ganz ernst, ohne ein Lächeln, das dieser mitreißenden Musik anstände.
Das Publikum im vollbesetzten intimen Konzertsaal bedachte alle jungen Geiger und Geigerinnen mit wohlwollendem bis begeisterten Applaus.