Rosenheim – Die „Hedwiger Tasta-Touren“ laufen auf Hochtouren: Herbert Wess als Kirchenmusiker versorgt die Pfarrgemeinde übers Jahr unermüdlich mit musikalischer Qualitätsware. Nicht nur, dass jeder Gottesdienst seine ausgefeilte Gestaltung bekommt und an den Festen die diversen Chöre in Aktion treten, Herbert Wess setzt sich darüber hinaus vehement für neue Musik ein, wie er es sich auch nicht nehmen lässt, dem Faschingssonntag traditionsgemäß mit einem raffiniert ausgesuchten Programm seinen Tribut zu zollen. Eine große Fan-Gemeinde würdigt seine engagierten Aktivitäten.
Keine Sorge, Herbert Wess ist zu sehr Künstler, als dass er Sinn für puren Jux oder gar Klamauk hätte. Pfiffiger Humor, etwas schräger Charme oder schmetterndes Opernpathos darf schon mal sein, ohne dass der Sakralraum profaniert würde. Und wer es rein spirituell haben möchte, darf in Kürze einem meditativen Orgel-Kreuzweg beiwohnen.
Dmitri Schostakowitschs berühmter„Walzer“ aus der „Jazz-Suite“ ist sanft von Melancholie getrübt, als ob dem Komponisten seinerzeit Väterchen Stalin im Genick gesessen wäre. Dafür zeigte sich der unverwüstliche „Säbeltanz“ von Aram Chatschaturjan in seiner entfesselten Wildheit als Ausdruck brutal-sowjetischer Folklore. Dennoch ein Geniestreich des Komponisten und ein Bravourstück für den souveränen Organisten!
Zarte Töne und feine melodische Gespinste zeichnen die Variationen zu dem Lied „Ein Männlein steht im Walde“ aus. Der langjährige Münchner Dom-Organist Franz Lehrndorfer hat hier mit leichter, lockerer Hand sehr farbige Miniaturen geschaffen, deren Grazie Herbert Wess mit kluger Registerauswahl zum Klingen brachte.
Intim, pastellfarben und sehr Piano – so erlebte man den „Tanz der Stunden“ des 1941 geborenen Martin Setchell, der sich von dem vor Mozart wirkenden Opernkomponisten Ponchielli anregen ließ.
Die Tanzsuite von Johannes Matthias Michel (geb. 1962) erfreute durch ihre rhythmische Vielfalt: Vom Blues ging’s über die Habanera, einen Waltz zu Samba und Swing. Eine kunst- und blutvolle Komposition, und eine heikle, aber vor allem attraktive Aufgabe für einen mit allen Wassern gewaschenen Interpreten wie Herbert Wess!
Einen gewichtigen Teil des Programms bestritten Italiener des 19. Jahrhunderts mit effektvollen musikalischen Gemälden: Pagani, Bandini, Puccini… Nach einem abschließenden Allegro brillante erzwang der stürmische Beifall noch zwei Zugaben, eine davon ein witziger Ragtime auf die Melodie von Schuberts Forelle – köstlich!