Rosenheim – „Nun bin ich froh, zum ersten Mal nach so vielen Jahren über die Ereignisse sprechen zu können. Denn das, was dort geschehen ist, kann ich nicht verdrängen und nicht vergessen. Es belastet mich, solange ich lebe“, sagt der 94-jährige Sepp Heinrichsberger aus Höslwang, einer von 26 Zeitzeugen, die der Rosenheimer Verleger und Autor Klaus G. Förg ein Jahr lang zu ihren Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg befragt hat.
Stundenlanges geduldiges Zuhören, gezielte Zwischenfragen und erschütternde Gefühlsausbrüche der Befragten mündeten schließlich in ein emotional überwältigendes Buch mit unterschiedlichsten Facetten von Kriegserlebnissen, das die ersten fünf Befragten zu Wort kommen lässt und den Titel „Irgendwie überlebt. Soldatenschicksale im Zweiten Weltkrieg“ trägt. Weitere Bände sind in Vorbereitung.
Die den Gesprächen zugrunde liegenden Mitschnitte hat Förg für die Veröffentlichung chronologisch geordnet und so authentisch wie möglich in ein Schriftdeutsch gebracht, das sich stilistisch den unterschiedlichen Charakteren anpasst und die Kernaussagen weitgehend wörtlich wiedergibt.
Geschildert werden vor allem die traumatischen Ereignisse an den Fronten des Krieges, die die damals jungen Burschen miterleben mussten. Aber auch Alltagsgeschichten und Gedanken über diese schlimme Zeit werden geäußert. Dabei beginnen die Erzählungen meist mit Erinnerungen an die Kindheit, Anekdoten aus einem oft harten, aber zunächst trotzdem noch unbeschwerten Leben, das dann mit der Einberufung zur Wehrmacht ein jähes Ende gefunden hat.
Da erzählt beispielsweise der Bäckersohn Franz Blattenberger aus Grünbach von einem vergnüglichen Hunderennen, beschreibt Dr. Siegfried Schugmann aus Flintsbach, wie er auf dem Weg zur Schule täglich mit einer Fähre den Inn überqueren musste, oder kann Georg Weiß von einer beschaulichen Kindheit auf einem Einödhof bei Otting am Waginger See berichten.
Einen starken Kontrast dazu bilden dann die Erlebnisse auf verschiedenen Kriegsschauplätzen in Italien, Frankreich, Polen oder der Sowjetunion. Oft lebten die damals blutjungen Soldaten in ständiger Angst vor Partisanen und mussten die schmerzlichen Verluste enger Freunde verkraften: „Ich wurde kalt, fühlte nur noch Wut und Hass“, beschreibt Heinrichsberger seine psychische Veränderung, nachdem bei Grenoble ein Freund aus Ampfing neben ihm erschossen worden war.
Drastisch schildert Schugmann den Anblick seines toten Kameraden nach einem Tieffliegerangriff in Brandenburg: „Wo sein Kopf war, sah ich nur noch Brei.“
Den größten Raum nimmt die Darstellung der erschütternden und dramatischen Ereignisse an der Ostfront ein, wo die jungen Soldaten massenweise verheizt wurden. Vor allem Georg Weiß‘ Erlebnisse auf der Krim und im Kaukasus bringen dem Leser die Grausamkeiten des Krieges nahe. Weiß spart hier auch nicht mit kritischen Anmerkungen und reflektiert die Kriegsverbrechen, die von deutscher Seite in diesem Angriffs- und Vernichtungskrieg begangen wurden: „Russische Widerstandskämpfer, die uns in die Hände fielen, wurden in ein Vernichtungslager gebracht. Was dort mit ihnen geschah, war so menschenverachtend und grausam, dass ich es hier nicht aussprechen kann.“
Weiß macht keinen Hehl daraus, dass er bei Vergeltungsmaßnahmen in der Ukraine, bei denen ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht wurden, gezwungenermaßen mitgewirkt hat: „Die im Schlaf überfallenen Menschen, die zu fliehen versuchten, wurden erbarmungslos erschossen. Ihre Schreie, vor allem die der Kinder, hörten sich entsetzlich an. Noch heute bringen diese Gräueltaten mein Seelenleben durcheinander.“
In diesem Zusammenhang geht Weiß auch mit dem NS-Regime ins Gericht, wenn er die öffentlichen Erfolgsmeldungen von 1943, die vom Kriegsverlauf an der Ostfront kündeten, als Lügenparolen enttarnt oder davon spricht, dass das Unrecht, das er und seine Kameraden tun mussten, kaum zu ertragen war.
Entbehrungen, Hunger, eisige Kälte, schwere Verletzungen und die ständige Angst, bei den furchtbaren Feuergefechten auch noch beim Rückzug getötet zu werden, wirken auf das Bewusstsein der Zeitzeugen nach: „Selbst heute noch, nach 70 Jahren, geschieht es, dass ich nachts aus dem Schlaf hochschrecke, wenn mir im Traum diese schrecklichen Bilder erscheinen.“
Selbstredend erfährt man bei der Lektüre viele historische Details, die Förg anhand von Fachliteratur überprüft hat. Stellenweise kann man die Handlungsverläufe auf Landkarten oder im Atlas mitverfolgen.
Eine Sonderstellung nimmt das letzte Kapitel des Buches ein, in dem die heute 99-jährige Morild Nirschl davon erzählt, wie sie als Norwegerin in der von den Deutschen besetzten Heimat von der Gestapo überwacht wird, weil sich der Vater als verfolgter Sozialist versteckt hält, wie die Mutter deswegen in ein KZ eingeliefert wird und Nirschl trotzdem einen Deutschen heiratet und mit ihm in dessen Heimatort Bruckmühl zieht. Ihr aufregendes Leben hat Viktoria Schwenger inzwischen in dem Roman „Morild“ gestaltet, der im April erscheinen wird.
Insgesamt ist Klaus G. Förgs ergreifendes Zeitzeugendokument auch ein Gegenentwurf zu den zahlreichen medialen Verharmlosungen des Kriegsgeschehens. Vor allem junge Leute, die den Krieg oft nur über Spielfilme oder PC-Spiele wahrnehmen, sollten es lesen. Die über allem stehende Botschaft ist klar: Nie wieder Krieg!