Bad Aibling – Wachs hat die Künstlerin Heike Jeschonnek als dauerhaftes Malmittel gewählt. Sie erzeugt damit nahezu dreidimensionale Bilder, leicht durchscheinend, opak. Beim Betrachter löst die Tektonik dieser Arbeiten den Wunsch aus, Schichten abzutragen, um zu sehen, was sich darunter befindet.
Umgekehrt verläuft die Vorgehensweise der Künstlerin: Schicht für Schicht gießt sie flüssiges Wachs (Paraffin) übereinander, lässt jeden Guss trocknen, um dann Spalten und Linien in die Oberfläche zu ritzen. Dazu benutzt sie ein Skalpell oder ein Messer. In die „gezeichneten“ Linien reibt sie Farbe, je nach Situation Öl oder Acryl. Auch die Malgründe sind unterschiedlich: Papier, Pappe, Holz oder Nessel. Aus mehreren Wiederholungen der Arbeitsvorgänge entsteht nach und nach ein Bild, das sie von Beginn der Konzeption an im Sinn hat, das aber im Entstehungsprozess geringfügigen Wandlungen unterzogen werden kann.
In ihrer aktuellen Serie umkreisen die Arbeiten der Künstlerin die Kardinalfrage „Wie wir leben wollen“. Die Antwort auf diese Überlegung gibt sie in zahlreichen kleinen bis mittelgroßen Werken immer wieder neu, immer anders. Häufig handelt es sich um Stadtansichten von Berlin – architektonische Elemente historischer Gebäude der Stadt sind erkennbar. Utopische Entwürfe zeigen Blumen und Ranken, die sich an den Hauswänden hocharbeiten und die Vorstellung signalisieren, dass ein urbanes Leben auch in der Stadt möglich ist. Oder kann es sein, dass die Natur im Begriff ist, ihr ursprüngliches Areal zurück zu erobern? Alle Bilder lassen gegensätzliche Deutungen zu. Sind die jungen, in den Werken dargestellten Menschen einsam oder genießen sie gerade genussvoll einen Augenblick des Alleinseins? Zeichnet sich in ihren Gesichtern Skepsis oder Gelassenheit, gar Zufriedenheit ab? Es ist ein Balanceakt zwischen zwei gegensätzlichen Polen, den die Künstlerin vollzieht. Zwei der Bilder jedoch vermitteln eindeutige Botschaften. Das ist zum einen das mit Menschen überfüllte Boot, das zu sinken droht. Schwarze, dramatische Löcher in der See zeugen von dem Sog, der für dieses Schiff den Untergang bringen wird. Zum anderen ist es das romantische Abbild eines Parks, in dem zwei Menschen spazieren gehen. Dass über ihnen eine Drohne mit elektronischem Auge schwebt, scheint ihnen entweder nicht bewusst zu sein oder bereits zum Alltag zu gehören. Auch ein Wohnhaus der Zukunft, auf einer Stelze stehend und über eine Treppe erreichbar, gehört zu den Motiven, am Rande im Bild: Kinder, die nach etwas Ausschau halten.
Anregungen übernimmt Heike Jeschonnek aus Pressemitteilungen und aus ihrem Privatleben. So zeigen einige der Arbeiten ihre Töchter in verschiedenen Altersstufen: reflektierend oder tanzend leben sie in ihrem eigenen Kosmos.
Besondere Aufmerksamkeit verwendet die Künstlerin auf den Boden: kunstvolle Kacheln in allen Farben, auch eine streng grafisch komponierte Treppe in Schwarzweiß, kleinteilig in vielen Blautönen gestaltet die Meeresoberfläche. Dem, worauf wir stehen, wird damit eine wesentliche Rolle zugewiesen.
Der künstlerische Weg von Heike Jeschonnek wird von Stipendien und Preisen begleitet. Auch die Sammlungen des Deutschen Bundestags und der Allianz besitzen Werke der Wahlberlinerin. Man kann ihre Arbeiten als Hinweis auf einen Umbruch ansehen oder schlicht als schöne Illusion.