Perspektivenwechsel mit drei Stühlen

von Redaktion

Der Kabarettist Erwin Pelzig begeistert im ausverkauften Aiblinger Kurhaus

Bad Aibling – „Ich fremdle mit dieser Zeit“, ruft Erwin Pelzig alias Frank Markus Barwasser in den restlos ausverkauften großen Kursaal. In seinem geistreichen, oft zum kritischen Nachdenken anregenden, aber etwas lang geratenen Kabarett-Solo „Weg von hier“ kann es der fränkische Kabarettist nicht fassen, dass wir im so genannten postfaktischen Zeitalter leben, wo es nicht mehr auf Tatsachen, sondern nur noch auf Gefühle ankommt. So fragt er auf der Suche nach der Wahrheit gleich am Anfang, ob es die Schwerkraft denn auch tatsächlich gebe. Zu seiner Erleichterung gibt das Publikum mit Handzeichen eine mehrheitliche Bestätigung.

Doch waren die Zeiten früher wirklich besser, ist die Vergangenheit die goldene Zukunft? Tapfer und täglich sieht Pelzig, statt sich mit Meldungen über den steigenden Meeresspiegel und das Insektensterben zu belasten, die Tagesschau von vor 25 Jahren, was ihm aber leider auch nicht hilft. Denn angesichts der komplexen Gegenwart erkennt er die Sehnsucht des Menschen, aus der Wirklichkeit weg zu wollen.

Das Grundproblem der Welt seien die weißen, heterosexuellen Männer, Leute wie Trump, Erdogan oder der Rassist und Demokratiefeind Orban, meinte Pelzig. Witze über Trump brächten zwar auch nichts, räumte der quirlige Franke ein, „aber sie tun so gut!“

Scharfzüngig und eloquent konfrontierte Pelzig das Publikum mit den vielen Widersprüchen und Ungereimtheiten der Zeit, ermutigte aber mit der Walt-Disney-Methode zum Perspektivenwechsel. Man brauche nur drei Stühle: einen für seine Wunschträume, einen, auf dem man sie kritisch zerlegt und einen, auf dem man versucht, Wunsch und Wirklichkeit miteinander zu verbinden. Immer, wenn Pelzig sich auf den Träumerstuhl setzte, erklang aus dem Off ein himmlischer Gesang, der die naive Illusion des Träumenden ernüchternd bewusst machte.

Für die sozialen Netzwerke benötige es laut Pelzig lediglich Denkfaulheit, Rechtsschreibschwäche und Internetanschluss. Das Böse in der Welt habe es zwar schon vor dem Internetzeitalter gegeben, heute werde die Dummheit nur schneller sichtbar, was im Stammtischgespräch zwischen Hartmut und Dr. Göbel witzig zum Ausdruck kam. Gehe der Drucker seines PCs kaputt, falle der FDP getreu ihres Ausstiegs aus den Koalitionsgesprächen nur das Motto ein: „Lieber gar nicht drucken als schlecht drucken“. Die AfD aber schmeiße den Drucker einfach aus dem Fenster.

Angesichts des aberwitzigen beschleunigten Weltenirrsinns träumt Pelzig von Vernunft und Aufklärung. Es komme darauf an, die Wahrheit zu suchen, aber denen zu misstrauen, die sie gefunden haben. Soll man nun verrückt werden oder religiös? Sein Rat: Sich nicht durch den Zeitgeist verwirren lassen, im Sinne von Kant den Verstand gebrauchen, „kein Arschloch sein“, „dann fremdelt die Zeit mit mir!“

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