Ein W-Seminar (wissenschaftspropädeutisches Seminar) an einem oberbayerischen Gymnasium hat die Inhalte der letzten beiden Folgen der Serie „Vo Ort zu Ort“ interessehalber aufgegriffen.
Die Oberstufen-Schüler haben selbst schon gute, teilweise auch lustige Erfahrungen damit gemacht, Zuwanderern die lokale Aussprache der Orte ihrer neuen Heimat darzustellen. Einerseits als integrationsfördernde, andererseits als – für sie selber – identitätsstiftende Maßnahme. Und tatsächlich:
„Aggradd über die Lautfolge /ie/ stolpern an eddla (etliche) Zuagroasde, bois (sobald sie) Chiemsee, Prien und Ried im Dialekt song woin. De moanan, dees head (hört) si oiss oo wia beim houchdeidschn Ried, dees wo auf Boarisch Riad hoaßd“, lächelt die Angelika. Sie fährt fort: „Aber oans daad i sejwa gern wissen:
Riad, okay, aber warum dann ned aa Prian?“
Sogleich kommt die Antwort vom Lautwandel-Experten Theo: „Brean, Cheamsää, hoaßds deszweng, weil hinter dem /ie/ ein Nasal, oiso /m/ oder /n/, steht. Bei Ried is dees ned da Foi!. Drum: Riad“. Das Interesse ist geweckt, und so stellt der Seminarleiter die Aufgabe, die Herkunft der genannten Namen herauszufinden.
Eine Woche später beginnt Seminarist Albrecht mit der Erklärung von Prien. „Auszugehen ist beim Ortsnamen vom gleichnamigen Bachnamen. Für die Zeit zwischen 1130 bis 1150 ist die Schreibung ‚iuxta Briennam rivolum‘ belegt; oiso ‚neben dem Flusserl Brienna‘. Mit /ie/ gschriem. Aber wo dees /ie/ herkimmt? Spannend! Dee mehran Forscher moanan, Prien kimmt vom keltischen Wort ‚brig‘. Dees hoaßd ‚Berg‘, jawoi!“. Ungläubiges Staunen! Ein nach dem Wort „Berg“ benannter Gewässername?
Der Wortherkunft-Experte Helmut erklärt: „Brigenna bedeutet ‚die vom Berg kommende‘. Dabei wird wohl auf den Spitzstein angespielt, aus dem die Prien entspringt“. Albrecht erläutert: „Aus /ige/ wurde /ije/ und dann /ie/. Palatalisierung des /g/ nennt man das!“
„Aber bei Chiem und Ried“, vermerkt der Otto, „do hamma koa /g/ ned!“ „Ganz recht“, sagt der Toni. „Der Ort Chieming, boarisch Cheaming, und der See, an dem Chieming liegt, ist wohl nach einem Keltoromanen namens Cemius benannt. Dabei wurde das lange /e/ im Namen zuerst von den Germanen als solches übernommen, später aber – lautgesetzlich – zum Zwielaut /ie/, gesprochen /ia/, abgeändert. Erst viel später wurde vor m oder n dann aus /ie/ ein /ea/.“
Ludwig schließlich hat den Namen von Ried bei Brannenburg vorbereitet: „Entweder von mittelhochdeutsch riet = ‚Schilf, Rohr‘, oder vom formgleichen mittelhochdeutschen riet in der Bedeutung ‚urbar gemachtes Land durch Rodung‘. Hier würde glatt beides passen. Auf jeden Fall aber, anders als bei Prien und Chiem, seit jeher mit Diphthong, also echtem Zwielaut!“Armin Höfer