Tête-à-Tête der Grenzgänger

von Redaktion

Beflügelndes Konzerterlebnis: „Crossing Borders“ im Klosterstüberl Seeon

Seeon – Ein Kontrabass, formschön und elegant – das größte Streichinstrument mit den tiefsten Tönen, welches durch seine Vibrationen die Nervenendungen der Zuhörer zum Tanzen bringen kann, trifft sich zum Testspiel, zum klingenden Tête-à-Tête mit einem Klavier. Das Klavier, bestens gestimmt und in festlichem schwarzem Lack, hält seine schwarz-weißen Tasten zum Anschlagen bereit.

Zwei Instrumente und deren „Spieler“ wollen im Seeoner Klosterstüberl Grenzen überschreiten, wollen Musikepochen, Genres und Kulturen aufeinander treffen lassen, sie einen und so etwas Neues zum Klingen bringen: „Crossing Borders“ tauften Claus Freudenstein (Kontrabass) und Thomas Hartmann (Klavier) ihr Projekt, mit dem sie bereits seit Jahren in vielen Konzerten grenzenlose Erfolge feiern. Den beiden Virtuosen aus Mühldorf und Chieming gelang sogar schon der Satz über den Atlantik, wo sie bei einem internationalen Kontrabass-Event die Besucher zum Staunen brachten.

Geht Rock-, Pop-, Tango oder gar Heavy Metal in kammermusikalischer Besetzung? Können zwei Musiker mit zwei Instrumenten ein ganzes Orchester, eine Rockband samt Sänger ersetzen und das auch noch in einer Weise, die sich nie zwanghaft reduziert, als Verlegenheitsvariante anhört oder an Musik im Sparformat denken lässt?

Auf ganz dünnem Eis spielen die beiden ganz Großes: Stilistisch aufregende und spannende (Hör-) Sensationen. Dabei entstehen nicht etwa Risse im Eis. Die Musiker bekommen auch keine nassen Füße, nein, es bilden sich kunstvolle Eisblumen – neue kreative musikalische Gewächse.

Zugegeben: So ein Kontrabass ist ja irgendwie in seinen Möglichkeiten begrenzt. Steht ja auch im Orchester immer irgendwo rechts am Rand, nie im Mittelpunkt, soll „erden und begleiten“. Und das Klavier? Das „kann“ schon mehr, kann dem Kontrabass „zuspielen“. Nicht so in diesem Konzert. Hier hat sich der Kontrabass kraftvoll und ideenreich mit der atemberaubenden Spieltechnik Freudensteins ins Rampenlicht gebracht, wo er dem Klavier, als Teamplayer, einen ebenbürtigen Platz anbot. Hartmann und Freudenstein überschritten also nicht nur Grenzen, sie sprengten auch die bestehenden Vorstellungen über „beschränkte“ Möglichkeiten in Bezug auf Instrumentierung und Spieltechnik. So gewährten die beiden Musiker, einem musikalischen Kaleidoskop ähnlich, einen Blick in uneingeschränkte Interpretationsfreude und Musizierlust: Von der rockig-fetzigen Red Hot Chili Peppers-Nummer „Parallel Universe“, zu einer romantischen Habanera im 2/4-Takt von Andres Martin, die in allen hohen und tiefen Tonlagen dem Hochgefühl Liebe gerecht wurde. Weiter ging es mit einem musikalischen Mitbringsel aus Honduras – „Hablo Espanol“ von dem Hip-Hop-Star Polache.

Freudenstein „sammelt“ bei seinen vielen Konzertreisen rund um den Globus Kompositionen aus den bereisten Ländern, die er umarrangiert in neuen Klanggewändern zum Besten gibt. Bei dieser Gelegenheit entstand auch eine Komposition des spanischen Komponisten und Kontrabassisten Simon Garcia: „Bassmonsters“. Ursprünglich für vier Kontrabässe geschrieben, klang das Werk nicht weniger spannend in der Besetzung Klavier und ein Kontrabass.

Mit dem „Ave Maria“ von Astor Piazzolla ließ das Duo im Anschluss die Sonne – nicht nur im Klosterstüberl, sondern gleich auch in den Herzen der restlos hingerissenen Zuhörer aufgehen: Wärme und Harmonie breitete sich aus, die im Anschluss kontrastreich von einer düster-bedrohlichen Komposition Freudensteins in Dramatik und hörbares Aggressionspotenzial überging: „Der Wolf“. Mit enormen stilistischen Sprüngen ließen die Crossover-Helden keinen Zweifel daran, dass in dieser Besetzung auch Heavy Metal machbar ist – und famos klingt: „Creeping Death“ von Metallica.

Wer bis dahin noch keine Bauklötze gestaunt hatte, tat das spätestens bei Thomas Hartmanns Solo „Dizzy Fingers“: Ein Klaviersolo, das schon beim Zuschauen Schwindelgefühle und Schnappatmung verursacht – sensationell. Adeles „Someone like you“ und Mercurys „Don‘t stop me now“ gab den Konzertbesuchern dann den Rest. Frenetischer Applaus und Bravo-Rufe!

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