Rimsting – „Das Vorurteil is eine Mauer, von der sich noch alle Köpf‘, die gegen sie ang‘rennt sind, mit blutige Köpf‘ zurückgezogen haben“, resümiert resigniert Titus Feuerfuchs in der Posse „Der Talisman“ von Johann Nestroy. Exemplifiziert wird dies am Rutilismus, der Rothaarigkeit, die nur ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung trifft.
Mit Hilfe mehrerer andersfarbiger Perücken gelingt es dem „rotfuchserten“ Titus, an einem Tag von gleich drei Frauen geheiratet werden zu wollen und vom arbeitslosen Barbiergesellen zum Gärtner, herrschaftlichen Jäger und Sekretär und schließlich Erben eines großen Vermögens aufzusteigen, der aber dann doch die auch rothaarige Gänsemagd heiratet. Damit reißt Titus die Mauer des Vorurteils ein, er wechselt mit der Farbe seiner Perücke jeweils sein Auftreten, seinen Beruf, seine Liebhaberin und seine Gesinnung und bleibt doch der gleiche tragikomische, raunzende, mit der Lüge jonglierende und zugleich rundum menschliche und sympathische Typ.
Die Laienbühne Rimsting (Regie: Raimund Feichtner) hat diese Posse mit Gesang auf die kleine Bühne des Gemeindesaales gebracht (Bühne: Michael Feuchtmeir mit seinem Team), mit Hilfe eines bemalten Bühnenvorhangs schnelle Ortswechsel geschafft, vor allem aber nicht unnötig modernisiert. Die Kostüme und Frisuren sind stimmig und prächtig und auch die Musik ist original von Adolf Müller, von Maria Landinger für ein Instrumentalquartett der Familie Landinger eingerichtet.
In der Hauptrolle spielt sich Thomas Feichtner mit herrlich aufschießenden feuerroten Haaren mit dem witzsprudelnden und „bonmotistischen“ (wie es in einer zeitgenössischen Rezension heißt) Text, zelebriert die feinen Wortspiele und flirtet schön schamlos mit allen Frauen – würde dies alles aber noch witzig-souveräner spielen, wenn er seinen Text vollkommen beherrschte. Magdalena Feichtner als die Gänsemagd Salome ist so süß, frisch und lebendig, dass man ihr den angeheirateten Reichtum weidlich gönnt. Als Gärtnerin Flora ist Gertraud Hauer schnell entflammt und schnell eifersüchtig, als Kammerfrau Constantia mit Ringellocken tut Claudia Schlemer vornehm mit wirklicher „herablassender Blickflimmerung“, wie Titus sie anflirtet, im purpurrot-güldenen Staatskleid schreitet Sylvia Habl als Frau von Cypressenburg hoheitsvoll.
Vor Eifersucht und Gespreiztheit sträubt sich der Schnurrbart des oft zornigen Friseurs Marquis (wirkungsvoll genau spielend: Matthias Feichtner), Wolfgang Schlemer gibt die köstliche Karikatur eines dümmlichen Kleinadligen, während Andreas Wörndl als dauerfauler Gärtnergehilfe Plutzerkern endlich einmal hemmungslos seine gemütliche Langsamkeit ausspielen darf. Als süßes Adelstöchterlein trägt Veronika Kunsler stolz ihre schöne Robe. Und am Schluss hat Franz Feichtner als der präpotent grantelnde Bierversilberer Spund, der mit seinen vielen Gulden winkt, noch einen effektvollen Auftritt.
Das Premierenpublikum belachte wohlwollend die vielen Pointen und Wortspiele, die bei sichererem Text und damit dramatisch zügigerem Tempo bestimmt noch mehr zünden werden.