von Redaktion

Bassist Étienne Mbappé setzt Messlatte ganz hoch an

Jamie kam, sah und sang

Burghausen – Aretha Franklin, James Brown, Ray Charles, Prince – sie alle standen am Samstagabend mit auf der Bühne, als Jamie Cullum zum Jubiläumssamstag der Burghauser Jazzwoche tief in seine musikalische Trickkiste griff, um das Burghauser Publikum zu bezaubern – über 1200 Zuhörer hatten sich in die Wackerhalle gedrängt. Darunter auch die Eltern des knapp 1,60 Meter großen Briten, denen er einfach mal zeigen wollte, wo Bayern am schönsten ist.

Eines vorweg: Die Erwartungen waren groß an den 39-jährigen Pianomann von der Insel, nachdem er vor fünf Jahren an eben dieser Stelle aus dem Vollen geschöpft und fast schon extatisch-virtuos abgeliefert hatte. Vielleicht auch mit dem Wissen, dass der Auftritt von 2014 nur schwer zu toppen sein würde, hat Cullum ein ganz anderes Konzept gefahren. Mit „When I Get Famous“ startet er am Piano, springt zunächst noch mit Sakko vom Bösendorfer, um kurze Zeit später sein Diskokugelhemd zu präsentieren – ziemlich schrill. Weniger schrill dagegen sein Programm, das er betont lässig abspult.

Es ist nicht mehr der zügellose Jazz-Punk, vielmehr ein Fast-40er, der sich vor den Größen der Szene verneigt, in dem er „What A Difference A Day Made“ schmachtet, bei „Taller“ Einflüsse von Ray Charles geltend macht und sich bei „Lay On Me“ von Aretha Franklin inspirieren lässt.

Wer 2014 dabei war, dem mag die Performance von Jamie Cullum zu balladenlastig vorkommen, wenngleich Cullum gesanglich alle Facetten ausschöpft. Es kann aber auch an der Reizüberflutung liegen, die der Künstler vorher über das Publikum ergossen hatte. Bassist Étienne Mbappé, mit Wurzeln in Kamerun, leicht zu erkennen an den Handschuhen, die er wegen extremen Handschweißes trägt, brilliert mit frischen und innovativem Fusion-Jazz. „The Prophets“, die er dabei hatte, beherrschen meisterlich ihre Instrumente, stets treibend, maximal virtuos, perfekt aufeinander abgestimmt,allen voran Nicolas Viccaro an den Drums.

Kraftvoll steuert er die Kombo, brilliert mit feinem Spiel selbst in absolut beeindruckenden Tempi. Die Musik beeindruckt auch deswegen, weil Mbappé als Cosmopolit unterwegs ist, Musik aus Kamerun ebenso einfließen lässt wie Latin-Komponenten. Argentinien streift er, auch Irland, neben dem Fiedler Clément Janinet greift auch Pianist Christophe Cravéro zur Geige. Mbappés Vorstellung gipfelt darin, dass er schließlich zum Finale den ganzen Saal einlädt mitzusingen – das ist der neue Jazz in Burghausen.

Und den zelebriert auch Jamie Cullum, wenn er die Zuhörer nach vorne an die Bühne bittet und im Quintett A-cappella die finale Runde einleitet, begleitet nur vom Kontrabass. Vorher hat man sich noch gefragt, was „Just A Gigolo“, uninspiriert dargeboten fast schon mit Hang zum Klamauk, auf der Jazzwoche verloren haben soll. Doch als Mitternacht immer näher rückt, platzt dann doch noch der Lausbub aus Jamie Cullum raus. Der Saal steht, als der Brite zum Freestyle-Tanz auffordert. Cullum überlässt Trompeter Rory Simmons die erste Reihe während er selbst an der Seite von Drummer Bradley Webb die Standtom bedient. Jetzt kocht die Menge, tanzt, singt – Cullum zum Anfassen nah.

Dann ist der Ausnahmekünstler am Ende seines Programms, verabschiedet sich brav, kommt aber gerne auf die Bühne zurück, weil das Publikum noch mehr will. Cullum hat den Saal im Griff –das merkt man spätestens beim letzten Song. Wie schon 2014 ist es „Gran Torino“ aus dem gleichnamigen Film von Clint Eastwood“. Cullum kommt wieder runter, senkt mit seiner unverwechselbaren Stimme auch das Adrenalin in der Wackerhalle, holt auch die Tänzer in der ersten Reihe wieder runter.

Ein Entertainer eben – so wie ein Ray Charles, ein Prince oder ein James Brown. Und das Ende der künstlerischen Schaffenskraft ist noch lange nicht erreicht. Ob es irgendwann ein drittes Mal in Burghausen gibt?

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