Esbaum und Eßbaum

von Redaktion

So ein Glück, die aus Rohrdorf stammende Kellnerin Karin zu kennen! Nicht nur wegen des perfekten Services, sondern auch wegen ihrer sprachlichen Kompetenz. „Esbaum? Dees hoaßd bei ins z Rohrdorf ‚Eesbaam‘. Mit scharfm S? Dees gibt’s am Samerberg drom. Fahrns entweder über Nußdorf oder über Achenmui auffi! Ausspreecha duad ma Esbaum und Eßbaum gleich: Dee Samerberger song aa Eesbaam. Wos der Nam aber bedeidd, woaß i ned!“

Dank Karins Beschreibung taucht nach kurzer Fahrzeit tatsächlich am Samerberg oben das Ortsschild „Eßbaum“ auf. Aber eines ist auch klar: Echte Schwierigkeiten macht nicht die Aussprache, sondern die Wortherkunft von Esbaum/Eßbaum. Dabei kommt dieser vor allem für Weiler und Einöden gebräuchliche Name im Landkreis Rosenheim sehr oft vor! Beispielsweise auch bei Amerang, Griesstätt, Höslwang, Riedering, Rimsting und Söchtenau. Außerdem mehrfach in den Nachbarkreisen und überhaupt immer wieder einmal in Süddeutschland und Österreich sowie in der Schweiz. Im nördlichen Deutschland ist Esbaum/Eßbaum dagegen unbekannt.

Das Problem ist: Laut Hans Meixner, „Die Ortsnamen der Gegend um Rosenheim“, fehlen Namensbelege vor dem 16. Jahrhundert. Erst ab dann sind Schreibungen wie „Esbaum neben Espäm, Espan“ überliefert; somit ist der Name „von unsicherer Herkunft“.

Lange Zeit wurde in vielen Abhandlungen über die Herkunft teils spekuliert, teils reflektiert. Einigkeit herrscht lediglich darüber, wonach dem Namen wohl kein Baum, bairisch „Baam“, zugrundeliegt, sondern vielleicht das Wort „Bann“, wenn man es mit Es-Baum trennt, oder „Spann“, wenn man es mit E-sbann beziehungsweise E-spann trennt.

Auszugehen ist von der Form „espan“. Das lang zu sprechende e bedeutet in mittelhochdeutscher Zeit (1050 bis 1350) „Recht, Gesetz“, später, in Zusammensetzungen, „Gemeinde“. Der Wortteil -span bedeutet „Spannung“. Der Namenforscher Joseph Schnetz meinte daher, „espan“ sei „ein der Gemeinde gehöriger Weideplatz, wo, wenigstens ursprünglich, infolge mangelnder Einzäunung das Großvieh gespannt wurde, d. h. wo den Pferden die Vorderfüße, den Rindern Kopf und ein Vorderfuß zusammengeseilt wurden, damit es, am Vorwärtsschreiten gehindert, anstoßendem Kulturland keinen Schaden zufügen konnte; er lag im Unterschied von der großen Allmende meist in der Nähe des Dorfes, mitunter sogar innerhalb desselben.“

Genau in diesem Sinne erklärt auch das Stadtarchiv Rosenheim den Stadtteil „Am Esbaum“. Ergänzend erwähnt sei der Hinweis des Stadtarchivs, wonach die Bezeichnung ‚Esbaum‘ „sich dann meist auf Ortschaften übertrug, die auf einer solchen Flur entstanden“. Ein möglicher Einwand aber wäre: Wenn schon die Herleitung von „Spann“, warum dann aber nicht die Aussprache „Ee-schbaam“? Weil, so Schnetz, hier in neuerer Zeit die Silbengrenze verschoben wurde zugunsten von Ees-baam. Spannend! Oder, Karin?Armin Höfer

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