Von Goldschürfern und Glücksrittern

von Redaktion

Kabarettist Stefan Kröll stellt sein neues Programm im Rosenheimer Ballhaus vor

Rosenheim – Drei schwarz gestrichene Bananenkisten, ein Keyboard auf der Bühne des voll besetzten Saales des Ballhauses – mehr Utensilien braucht der meist stoisch wirkende Kabarettist Stefan Kröll nicht, um das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Keine theatralischen Gesten, keine gesichtsverzerrende Mimik – ruhig und gelassen bringt der Meister skurriler Gedankensprünge und origineller Querverbindungen die Premierengäste zum Lachen.

Von den Azteken

bis zu Youtube

„Goldrausch 2.0“ heißt das neue Projekt des gelernten Schreinermeisters aus Feldkirchen-Westerham, der bereits mit seinem ersten abendfüllenden Soloprogramm „Gruam – Bayern von unten“ humorvoll Vergangenheit und Gegenwart in Bezug zueinander gesetzt hat. Geschichtlich fundiert entführt Kröll in „Goldrausch 2.0“ seine Zuhörer in das Reich der Azteken, Inkas und Mayas, lässt das Leben der Goldsucher von Alaska über Bayern bis Australien wiederauferstehen. Melodisch eingebettet in eigenen Keyboard-Kompositionen erzählt der begnadete Geschichtenerzähler von den Eroberungen der Spanier, vom Niedergang der früheren Hochkulturen in Amerika, von Ausbeutung und tonnenschweren „Goldexporten“ nach Europa. Er blickt zurück auf unglaubliche Goldnuggetfunde in Australien und Goldadern in Bayern, die selbst zum Schliersee wahre Völkerwanderungen ausgelöst haben – „doch reich g’wordn san die Wenigsten“, so das Fazit Krölls.

Während die spannenden musikalischen Geschichtsstunden Vergessenes wieder in Erinnerung rufen, sind es die umwerfenden Querverbindungen Krölls zum Hier und Jetzt, die die Lachtränen der Besucher fließen lassen. Da ist der Start-Up- Unternehmer Jürgen P., der mit der Vermietung von Wäscheleinen sein Glück machen will, oder die mit dem Influenza-Virus befallene Instagram-Poserin Vanessa, die auf eine Karriere als You-Tuberin und Millionen hofft. Doch „wir überschätzen Glücksrausch und Goldrausch: Geld allein macht nicht glücklich – da gehören auch Gold, Aktien und Grundstücke dazu.“

Im Blickpunkt des Kabarettisten ist auch der Opferkult der Azteken, die 200 Göttern Menschen opferten, um ein besseres Leben zu finden. Heute seien es die Beckenbauers, Helene Fischers und Geißens, die RTL 2 geopfert werden, „damit es den Menschen besser geht“. Die Bilderschrift der Azteken im Kontext zum Schreiben nach Gehör der deutschen Grundschüler sind ebenso schräg und verblüffend, wie der Schönheitswahn der Mayas in Bezug zu Parship und Schmetterlingen im Bauch, oder die Gier nach Anerkennung der Goldsucher zu Söder und Beckenbauer.

Kröll schlägt spielerisch Brücken von der Eroberung des Inka-Reiches durch Franzisco Pizarros und seinen nach „Zehakaas stinkenden Soldaten“ nach Werder Bremen und heutigen „All-Inclusive-Invasoren“, die von stinkenden Kreuzfahrtschiffen in Länder einfallen und diese statt mit Masern mit Luftemissionen verpesten. „Ein Kreuzfahrtschiff verbraucht so viel Kohlendioxid wie fünf Millionen Autos – oder 200 VW.“

In seinem „Lebensmelodien in Moll“ gewährt der erstaunlich komplexe Liedtexter tiefe Einblicke in die Psyche der Mitarbeiter bei Geschäftsessen – vom Steak des Chefs über Schnitzel der Mitläufer hin zu Schlachtplatte der Sekretärin und Hello-Kitty-Gyros des Außenseiters.

Mit lautstarkem Applaus würdigte das Premierenpublikum Krölls mitreißendes Kabarett-Programm „Goldrausch 2.0“, in dem der Kleinkunstkünstler auch als Liedermacher am Keyboard begeisterte. „Ein echter Kröll“ – voller skurriler Gedankenflügen in bestem Bairisch – amüsant, kurzweilig, miterlebenswert.

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