Bad Aibling – Betritt man derzeit die Galerie des Kunstvereins Bad Aibling im alten Feuerwehrgerätehaus, sieht man sich mit einer unglaublichen Farbenpracht konfrontiert: expressionistisch, explosiv, leuchtend. Die Malerin Dorothea Schüle, die in Düsseldorf und Berlin lebt, macht aus ihren Bildern ein Fest, ihre Malerei feiert das Leben. Dies verraten nicht nur die Farben, sondern auch die Themen, die sie sich stellt. Gefüllte Gläser Aperol, Kulinarisches vor bezaubernder Kulisse – man ahnt die Stadt Venedig im Hintergrund – alles präsentiert sich, als ob es keine Probleme auf der Welt gebe. Wasser von Meer oder See, aber auch Trinkgläser scheinen Schüles bevorzugte Objekte zu sein, in ihnen kann sie ihre besondere Fähigkeit, Licht einzufangen und Spiegelungen zu erzeugen, besonders gut zum Ausdruck bringen. Denn das vermag sie hervorragend.
Dorothea Schüle studierte an der Kunstakademie in Münster, wo sie 1995 zur Meisterschülerin ernannt wurde und ihr Studium mit dem Akademiebrief abschloss. Zahlreiche Preise begleiten ihren künstlerischen Weg, besonders erwähnenswert ist das Gaststipendium in der Villa Romana in Florenz. Ihre Bilder malt sie mit Öl auf Nessel, und mit häufig verwendeter Eitempera hebt sie die Leuchtkraft der Farben noch hervor.
Als in malerische Form verkleidete Seelenzustände kann man ihre Bilder sehen, und es gelingt ihr, was der Komponist Robert Schumann einmal zur Aufgabe des Künstlers äußerte: es sei dessen Beruf „Licht in die Tiefe des menschlichen Herzens zu senden“.
Aber was fängt der Betrachter mit all dem Schönen an? Er sucht instinktiv nach kleineren Irritationen, und er findet sie bei genauem Hinsehen: Stimmt bei dem wandfüllenden Bild eines Segelbootes in stürmischer See die Perspektive? Es zeigt sich, dass der Verlauf der Gischt zum Bug naturgemäß nicht so sein kann. Nach Fragen an die Künstlerin wird dem Betrachter klar, dass diese „Unstimmigkeit“ mit Absicht eingebaut wurde, dass nicht die realistische Abbildung geplant war, sondern zugunsten des Bildaufbaus Verschiebungen vorgenommen wurden. Das Wechselspiel von Licht und Schatten im Miteinander der dargestellten Gegenstände ist das Hauptanliegen der Malerin, und sie hebt damit ihre Darstellungen auf eine andere Ebene. So äußert sich Friedrich Schiller in seinen Abhandlungen über „Naive und sentimentalische Dichtung“: „Die Differenz zwischen Natur und Kultur ist der Augenblick der Kunst“. Dorothea Schüle lässt uns hinter der Fassade der schönen Dinge auch immer deren Fragilität erkennen. So zum Beispiel in dem Bild mit dem Titel „primavera“: auf einen Magnolienbaum, der über und über mit zarten rosaweißen Blüten bedeckt ist, ergießt sich ein Platzregen, dicht wie ein Vorhang. Und der Betrachter weiß: mit dem Ende dieses heftigen Regens ist auch die fragile Schönheit der Blüten vorüber.