Wasserburg – Dem in Wasserburg gastierenden „vision string quartet“ ging besonderer Ruf voraus: Im Klassikmetier vielfach preisgekrönt und in allen großen Sälen zu Hause, tummeln sich Jakob Encke, Daniel Stoll, Sander Stuart und Leonard Disselhorst auch in jeder Art des „Crossover“, im Jazz, im Rock, im Popgeschehen. Wie würden wohl ihre Saiten klingen, wo doch heute jedes Ensemble gerne seine Eigenart in den Raum stellt, schon um sich von vielfacher Konkurrenz abzugrenzen? Wie üblich bei den Wasserburger Rathauskonzerten, wartete das Quartett auf mit Unbekanntem, hier mit einer Eigenbearbeitung des Schubertschen „Erlkönig“. Nun bezieht unser Liedschatz der Romantik seinen Reiz, seinen Wert, unter anderem daraus, was beim Anhören zwischen den Zeilen des Textes zum Vorschein kommt, wie der Sänger gestaltet, was der Komponist in die Klavierbegleitung legt, um beim Zuhörer Ahnung und vielleicht unbewusste Regung auszulösen. Nicht so beim „Erlkönig“, dessen Dramatik so offenkundig ist, dass er zu Bearbeitungen geradezu herausfordert.
Der Tod in seiner mannigfachen Spielart
Da nutzten die vier alle Möglichkeiten: In betörendem Flageolett die erste Geige für den Erlkönig; dumpf beschwichtigend die Viola für den Vater, während im schwirrenden Tremolo der Übrigen die Spannungsgeladenheit der Szene nachzuvollziehen war.
Schon allein, dass die vier stehend und auswendig agierten, ließ sie mental untereinander Tuchfühlung aufnehmen wie im Jazz. Die so extensive Dynamik – oft im harsch angerauten Einstieg in musikalische Phrasen; im Pianissimo, das weithin hörbar blieb; im Rhythmus, der auch im höchsten Tempo glasklar gewahrt blieb. Ja, diese Art der Erregtheit war nie aufgesetzt, immer echt und aus tiefstem Antrieb geboren.
Der Tod in mannigfacher Spielart als Thema dieses Abends: Mendelssohns spätes Opus 80, dessen Entstehung angesiedelt war zwischen Schwester Fannys Ableben und seinem eigenen Tod, fällt sicher aus dem Rahmen des allzu Schönen, des Ebenmaßes der Melodien. Aber angesichts der Darstellung durch dieses Quartett, so tiefgründig und erregend im f-Moll verinnerlicht, mag naheliegen, dass auch anderes vom Romantiker Mendelssohn, oft geglättet in Harmonie, unter den Händen dieser Streicher die gebührende markante Gestalt gewinnt. Schuberts Quartett d-Moll zum Lied vom „Tod und das Mädchen“ verhalf diesem Abend zur letzten großen Steigerung. Die vier konnten da kaum mehr an Dramatik beitragen, als Schubert selbst. Doch ein Tempo wie hier konnten wohl nur Musiker verantworten, die geschult sind in allen heute verfügbaren Facetten des Musikgeschehens.
So war es diesen Musikern auch gegeben, als Zugabe eine hinreißend wie mit Gitarren gezupfte Samba-Kreation zu spielen, ohne dass dies einen Bruch zum Vorangegangenen bedeutete.