Erl – Die „Klaviertage Erl“ im Festspielhaus sind eigentlich Klaviernächte: Es sind jeweils zwei Klavierkonzerte mit Häppchen und Wein dazwischen in einer größeren Pause. Viel Klaviermusik und ein bisschen Wein: ein neues Konzept.
Das erste Konzert am ersten Abend glich einer Wundertüte: Es gab Kurioses, Gefälliges, Verblüffendes und Reißerisches. Kurios waren Walzer und Romanze für Klavier sechshändig von Sergeij Rachmaninow (1873 bis 1943), der dieses Stück für seine drei Cousinen geschrieben hat.
Es drängten sich tatsächlich drei Pianisten an einen Flügel: Luca Buratto, Emanuele Delucchi und der knapp 13-jährige Antonio Alessandri. Dabei überwog das kuriose Moment, die Musik selbst ist gefällige Salonmusik, von den drei Pianisten sentimental, aber nicht verkitscht gespielt.
Gefällig bis unverbindlich war die „moderne“ Musik des 1971 geborenen Thomas Adès, die im Programmheft als „emotional und sinnlich, weder atonal, noch tonal“ charakterisiert wird. Die „Variations for Blanca“ beginnen scheinbar romantisch, versprühen ein bisschen Liszt-Parfüm und zerstäuben dann in flockige Klangwölkchen. „Darkness Visible“ ist extrem zerrissen zwischen höchstem Diskant und tiefstem Bass, bleibt aber Musik, bei der man dauernd auf die Uhr schaut – obwohl Luca Buratto sich dieser Musik mit allergrößter Ernsthaftigkeit widmete.
Auch gefällig, aber ironischer, ist das Concertino für zwei Klaviere in a-Moll op. 94 von Dimitri Schostakowitsch (1906 bis 1975), das alle möglichen Stil- und Melodiezitate mischt, darunter Volksliedhaftes und Trivial-Schlagerhaftes. Schostakowitsch, der dies Concertino für sich und seinen Sohn Maxim komponiert hatte, lacht sich da ein bisschen in sein Komponisten-Fäustchen. Davide Cabassi und Tatjana Larionova spielten ganz unironisch mit zupackender Energie.
Reißerisch waren die symphonischen Tänze aus „Westside Story“ für zwei Klaviere von Leonard Bernstein (1918 bis 1990), wieder von Cabassi/Larionova mit rhythmischer Eleganz und gelinder Entfesseltheit gespielt. Reißerisch sind aber vor allem die sechs Studien über Etüden von F. Chopin von Leopold Godowsky (1870 bis 1938), der davon insgesamt 53 schrieb. Gefühlt hat Godowsky die eh schon vielen Noten von Chopin verdoppelt und damit die Virtuosität auf die Spitze getrieben: eine bisweilen absurde, rein circensische Anhäufung von Noten. Emanuele Delucchi hätte da durchaus anschlagen können, um diese absurde Notenhäufung deutlich zu machen.
Überraschend waren die dazwischen gestreuten Akkordeontöne von Tizia Emma Zimmermann. Zuerst unsichtbar, mit sich überlagernden Einzeltönen, deren Herkunft als gestörte Hörapparate hätten identifiziert werden können, dann auf der Bühne sichtbar, mit Urtönen aus ihrem Akkordeon. Vollends verblüffend war der knapp 13-jährige Antonio Alessandri, der mit technisch vollendetem Chopin-Spiel bezauberte: Zu dessen Etüden hat, nach den Worten von Alfred Cortot, „der Musiker ohne Virtuosität ebenso wenig Zugang wie der Virtuose ohne Musikalität“. Der so junge Alessandri hat schon beides. Er beherrscht sein Virtuosen-Handwerk mit immer leichtem Anschlag und versteht wirklich alles, was er spielt, und kann auch zeigen, dass er es versteht. Das begeisterte Publikum feierte ihn mit Ovationen.