Unverschämte Körperwelten

von Redaktion

„Girls unawares – Contemporary art from the future of porn“ im Ganserhaus

Wasserburg – Skandal ist immer gut, vor allem, wenn Kunst in das Bewusstsein der Öffentlichkeit dringen will. Und was wäre skandalöser als Sex. Also her damit, mit all den pornografischen Details, die so herrlich Aufregung produzieren… Doch es muss ein künstlerischer Mehr-Wert her. Wenn nun im Ganserhaus in Wasserburg unter dem Titel „Girls unawares – Contemporary art from the future of porn“ der AK 68 exzessive Körperkunst vorstellt, darf man sich getrost entsetzen und moralisch entrüsten. Und so sieht man Körperteile, einerseits naturalistisch optimiert und andererseits in neuem Zusammenhang.

Abstruse Landschaften

So entstehen ganze abstruse Landschaften. Wobei man sicher sein kann, dass da jeder Krakel Schamhaar bedeutet, das sich teils kunstvoll zu Büscheln arrangiert und wächst, wo es will. Wenn es nicht eigenartigerweise das Stilleben mit Geschirr, Tellern und Besteck überzieht und erst einmal so wirkt, als habe der Drucker lauter kleine schwarze Fahrer verursacht. Natürlich spricht das Schweinchen-Rosa für eine „schweinische“ Bedeutung. Was in den gezeigten Bilderwelten so aufrecht herumsteht, kann natürlich nur ein Phallus sein. Außer er hängt gerade tröpfelnd herum anstelle von Brustwarzen am Hängebusen.

Die meisten Bilder wirken eigenartig steril und werbemäßig optimiert – nur eben auf Geschlechtsorgane reduziert. Aufreizend wirken sie eher nicht und erotisch schon gleich gar nicht. Aber das ist angesichts so vieler nackter Tatsachen auch gar nicht verwunderlich.

Der eigentliche Skandal liegt eher woanders, nämlich mitten in unserer Gesellschaft, die sich zunehmend pornografisiert. Denn die Grundlage für diese Bilderwelten sind durchaus reale, in Online-Plattformen wie Tumblr veröffentlichte Fotos, die der 41-jährige Can Sezer als Ausgangsmaterial am Computer mit 3-D-Optik optimiert. Inzwischen bekommt er sogar Aufträge, solche Porno-Bilder für die diversen User zu erstellen, die schon mal so nette Accountnamen führen wie „Koterbrechen“. Die latente Langeweile liegt in der Perfektion, mit der Can Sezer normale Körperteile auf Werbewirksamkeit trimmt. Der Künstler will aufmerksam machen auf den Zwang unserer Gesellschaft gerade Frauen gegenüber, sich immer perfekter optisch zu präsentieren, oft auch mit Hilfe der Schönheitschirurgie. Die Schamlippen-Korrektur steht gerade hoch im Kurs, weil die als Norm vorgesehene Haar-Losigkeit, nun kein Verstecken mehr erlaubt. Dass damit auch dem Jugendlichkeitswahn und Kindchen-Schema Genüge getan wird zum Wohlgefallen der Pädophilen, ist in der Öffentlichkeit noch wenig bedacht. Aber was tut man nicht alles, um sich selbst zu vermarkten…

Diese Perversion ist es, die Can Sezer sichtbar macht. Jedes Bild kann eine Geschichte erzählen. Etwa, die Dame, die mit gespreizten Beinen von einem Riesen-Phallus an die Zimmerdecke gepresst wird. Oder der Mund, der sich gerade einem als Gockel gestalteten Phallus nähert – ein eher englischer Witz mit der Bezeichnung „cock“. Dass eine Muschi nun mit Schnurrbarthaaren nebst darüber platziertem Fell zum schnurrenden Kätzchen avanciert, ist noch eine der netteren Darstellungen. Und den verrucht künstlerischen Touch schafft der Zigarette rauchende Unterleib in wunderbarer brauner Leder-Optik in edlem LouisVuitton-Muster.

Dominic Hausmann, Leiter des AK68, hat sich tagelang durch all diese Bilderwelten gekämpft, um die Auswahl für die Ausstellung zu treffen, wie er in einer Einführung bei der Vernissage erklärte. Auch für ihn gilt natürlich, dass Kunst provozieren soll. Und angesichts der Me-too-Debatten kam ihm „Girls unawares – Contemporary art from the future of porn“ gerade recht.

Schaufenster mit Packpapier verklebt

Sex sells gilt auch für die Kunst. Um mehr Besucher hereinzulocken (und nebenbei Kinder zu schützen) sind die Schaufenster halbhoch mit Packpapier verklebt. Bei der Vernissage gab man sich zudem alle Mühe, die belegten Brötchen etwa mit Paprikafäden zu „pornografisieren“ und bunte Eier anzubieten, damit das Publikum im Ganserhaus in Stimmung kommt. Dass die Bilder alle als nackte Poster an der Wand kleben und nicht im Goldrahmen brillieren, versteht sich. Übrigens bekommt jeder Interessent eines Werkes eine kostenlose Bilddatei zugeschickt, die er sich – in welcher Größe auch immer – dann ausdrucken kann. Einzige Bedingung: der Künstler wünscht sich ein Foto, das das gehängte Bild beim Erwerber zu Hause zeigt.

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