„Unsere Körper sind nicht falsch“

von Redaktion

Porno-Kunst im Ganserhaus: Can Sezer stellt sich den Fragen des Publikums

Wasserburg –Was ist Kunst und was ist Pornografie? Die Debatte darüber ist in vollem Gang. Ist es bereits Pornografie, wenn möglicherweise Gefühle verletzt werden? Und was ist mit nackten Nymphen auf einem alten Gemälde? Es wurde vorsichtshalber abgehängt. Das Museum will sich nicht dem Vorwurf aussetzen, sexistisch Diskriminierendes zu zeigen.

Verunsicherung ist an der Tagesordnung, denn ein moralischer Kompass, wie ihn früher einmal auf sehr enge Weise die Kirche vorhielt, ist verloren gegangen. Und was kommt nun? Wie will man die gerade im Netz kursierenden pornografischen Bilderfluten eindämmen? Algorithmen, die mechanisch Internet-Accounts durchforsten und nicht unterscheiden können zwischen anstößigen, pornografischen Bildern und Kunst. So stellt sich auch die Frage, inwieweit die in ihren Kriterien undurchschaubaren und vor allem nicht öffentlich gemachten Algorithmen Zensur ausüben.

Künstler, die in der digitalen Welt unterwegs sind, haben es derzeit schwer. Sie können sich zwar beschweren, wenn ihre Seite stillgelegt wird, aber es gibt keine Garantie, dass dann tatsächlich Menschen darüberschauen und die Entscheidung revidieren. Diese Erfahrung hat Can Sezer, dessen Ausstellung „Girls unawares –Contemporary art from the future of porn“ gerade im Wasserburger Ganserhaus zu sehen ist, schon mehrfach gemacht. Derzeit ist er bei seinem sechsten Account angelangt. Ärgerlich, dass bei jeder Stilllegung auch die Follower verloren gehen.

Nun war der Künstler vor Ort, um sich den Fragen des Publikums zu stellen. Eine gute Gelegenheit, von ihm auch Näheres über seine Sicht der Dinge und die Vorgehensweise in der noch relativ jungen Kunst der „Virtual Reality“ in 3-D-Technik zu erfahren.

Was hat den 3-D-Designer veranlasst, sich nun in künstlerische Weise mit Pornografie auseinanderzusetzen? „Angefangen hat es 2010 mit einer Unterwäsche-Kampagne, in der die Models mit durchsichtigen BHs antreten mussten. So ist auch der Name zu erklären: es heißt nicht „Girls unaware – im Sinne von Mädchen, die sich nicht bewusst sind, dass sie fotografiert werden – sondern es ist eine Paraphrase auf Underware, also Unterwäsche“, erklärt Sezer. Und fährt fort: „Wenn man eine Hose nur verkaufen kann, indem man Busen dazu zeigt, dann kann man ja gleich das Modell weglassen und nur noch die Geschlechtsteile präsentieren.“ Das war der kritische Grundgedanke, der die Werbewelt ad absurdum führen sollte.

Sezers Zugriff nimmt nicht nur die sexistische Werbung in den Fokus, sondern auch die körperliche Selbstwahrnehmung von Jugendlichen. Wie erleben sie ihren Körper und wie sehr verunsichert sie die Flut perfekter Körper, die ihnen vorführt, wie sie zu sein hätten – zumal in kapitalistischen Zeiten der Mensch auch in seinen Beziehungen zur puren Ware verkommt. „Die Mädchen pushen sich gegenseitig, um super dazustehen. Sie vergleichen sich. Pornografie zieht sich durch den Pop und ist inzwischen überall Thema. Intimrasur gilt mittlerweile als normal. Die Angst vor dem Versagen und nicht Mithaltenkönnen ist groß.“ Das gilt besonders für Mädchen, aber auch die Jungs kennen solche Probleme. Bei ihnen geht es um die 20-Zentimeter-Marke, die erreicht sein will, um als Mann zu gelten. „Früher war die Unsicherheit, dass Mädchen, die mit einem Mann ins Bett gingen, nicht wussten, was auf sie zukommt. Heute ist die Unsicherheit, dass sie zu viele Möglichkeiten kennen. Eine Norm gibt es nicht“, meint Sezer. Er plädiert mit seinen optimierten, intimen Körperwelten für einen unverkrampften und natürlichen Umgang. Das ist seine Antwort auf das unrealistisch propagierte Körperideal: „Unsere Körper sind nicht falsch, nur weil sie nicht so aussehen wie Körper in Anzeigen. Den Geschlechtsteilen wird zu viel Bedeutung beigemessen.“ Er fordert eine neue Form von Bildern, die sich in den Köpfen festsetzen.

Ihm geht es um Aufklärung. Dass seine Porno-Kunst nun die virtuelle Welt verlassen hat und in Galerien und Museen hängt, bringt auch ein neues Publikum. Mit seinem humorvollen Zugriff will er die Habacht-Stellung mit dem Schlachtruf „Achtung Kunst“ aufbrechen.

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