„Schlangen, Schlingen, schlüpfrig“

von Redaktion

Zweite Episode von „Der Mann ohne Eigenschaften“ in der Vetternwirtschaft

Rosenheim – Es ist schon eine Leistung, von sich sagen zu können, Robert Musils Jahrhundertroman „Der Mann ohne Eigenschaften“ wirklich gelesen zu haben; erst recht ist daher die Lebensaufgabe zu bewundern, ihn als facettenreiches Theaterprojekt in mehreren Staffeln auf die Bühne zu bringen, wie es „Regie als Faktor“ unter der Leitung von Valerie Kiendl und Dominik Frank jüngst in der Rosenheimer „Vetternwirtschaft“ bereits mit der zweiten Episode gelungen ist.

Nach einer kurzen Einführung im „Foyer“ durch Kiendl und Frank agierte die Schauspielerin Annika Semmler in der Rolle von Clarisse, der Jugendfreundin Ulrichs, also des Mannes ohne Eigenschaften, im Wechsel von Lesung und gespielten Romankapiteln vor einer grafisch gestalteten Schwarz-weiß-Kulisse aus Pappe, die das Wohnzimmer des Ehepaars Clarisse-Walter darstellte.

Weiß geschminkt, Klavier spielend, Käse essend, rauchend oder sich manchmal direkt ans Publikum wendend erfüllte Semmler gewissermaßen die schon klassisch gewordenen Verfremdungsvorgaben von Bert Brechts epischem Theater und brachte so die 1913 in Wien spielende Dreiecksgeschichte auf die kleine Bühne vor einem aufmerksamen Publikum: Die Nietzsche-Bewunderin Clarisse entfernt sich immer mehr von ihrem Ehemann Walter und wendet sich dessen Jugendfreund Ulrich zu. Während Walter, ein Maler, Dichter und Musiker ein glühender Verehrer der Musik Richard Wagners ist, hasst Clarisse dessen Musik, steht aber auch zu dem mathematisch begabten Intellektuellen Ulrich in einem eher spannungsgeladenen Verhältnis.

Ironisch und motivisch vielschichtig wurde die Zeit der K.u.K.-Monarchie vor dem Ersten Weltkrieg durchleuchtet. Die zum Teil längeren wortlos gespielten Passagen zwischen den gelesenen Texten ließen dem Zuschauer Zeit zum Nachdenken. Dazu kamen die symbolischen Handlungen der Protagonistin, die beispielsweise genüsslich den Apfel der Versuchung aß, durch einen Wechsel der Kleidung auch einen Kapitelwechsel andeutete oder sich mit Milch übergoss, um auf eine mögliche Mutterschaft anzuspielen.

Clarissens Muttermal in der Leistenbeuge ließ sich auf eine ähnliche Funktion zurückführen und leuchtete auf Druck durch die Kleidung hindurch. Als „schwarzes Medaillon“ und „Auge des Teufels“ bewahrt es Clarisse vor dem Inzest mit ihrem Vater, wie sie Ulrich in einem späteren Kapitel erzählt.

Was im Roman nur nacheinander darstellbar ist, ist auf der Bühne simultan möglich. So wurden die erotisch-sinnlichen Reflexionen Clarissens, die in dem motivisch positionierten Ausruf „Schlangen, Schlingen, schlüpfrig“ gipfelten, ihre sich langsam durch „Dämonen“ andeutende psychische Erkrankung sowie ihr Traum von der Befreiung des Prostituiertenmörders Moosbrugger mit Richard Wagners Arie „Wotans Feuerzauber“ aus dem „Ring“ unterlegt oder die Muttervorstellungen ironisch mit einem von Helene Fischer auf deutsch gesungenem „Ave Maria“ kontrastiert…

Man darf schon auf die dritte Episode gespannt sein, die am Sonntag, 19. Mai, in der Vetternwirtschaft gespielt wird und in der der Frauenmörder Moosbrugger im Mittelpunkt stehen wird.

Artikel 8 von 11