Bruckmühl – Manches ist mit den schrecklichen vier Kriegsjahren für immer verschwunden: Die Monarchie in Bayern wurde 1918 abgeschafft. Der Glaube ans Vaterland war erschüttert, Deutschland und seine Verbündeten verloren den Krieg. Viele Männer verloren ihr Leben oder ihre Gesundheit, manche bäuerlichen Familien und Strukturen waren am Ende. In der Kriegszeit mussten die Frauen die Arbeit der Männer verrichten – die Revolution des Kurt Eisner brachte das Frauenwahlrecht 1919 und den „Freistaat“ Bayern. Die Kriegsrückkehrer versuchten, gefühlsmäßig wieder im normalen Leben Fuß zu fassen. Musikalisch gab es ganz neue Impulse. Manches ist nach dem Krieg wieder weitergegangen: Nach den in der Kriegszeit vorherrschenden Klängen der geblasenen Militärmusik fanden sich in den Jahren nach 1918 auch wieder die Streichmusiken zusammen, wie sie vor 1914 in den Dörfern präsent waren: Mit den zurückgekehrten Männern und Burschen wurden wieder spielfähige Kapellen von acht bis zwölf Musikanten zusammengestellt, die zu Unterhaltung, Tanz und Hochzeit aufspielten. So geschah es auch in der Bauerngemeinde Kirchdorf am Haunpold (heute Gemeinde Bruckmühl), wo auch die in den 1890er-Jahren aufgeschriebenen Stücke nach 25 Jahren noch aktuell waren.
Die alte Kirchdorfer Musik hatte mit großem Erfolg in der Zeit von 1890 bis zum Ersten Weltkrieg mit Streich-, gemischter Blas- und Blechmusikbesetzung gespielt. Damals schrieben unter anderem Georg Huber, Bauer in Noderwiechs und Bürgermeister (1873 bis 1937), und der Wagnergeselle Oskar Julius Stief (1865 bis 1935) die Noten. In der Wagnerei von Johann Baptist Bernhofer (1876 bis 1963) in Kirchdorf wurde geprobt. Der „Wagner“ von Kirchdorf, J.B. Bernhofer junior (1910 bis 1994) hat in den 1970er-Jahren viele handschriftliche Noten aus dem Bestand der alten Kirchdorfer Musik zur Forschung und Wiederverwendung bereitgestellt. Eine besondere Besetzung haben wir mit jungen Musikanten seit den 1980er-Jahren neu belebt: Die achtstimmige Streichmusik mit Walzer, Polkas, Bayerisch Polka, Mazurka, Galopp aus den Notenhandschriften von Stief und Huber, aufgeschrieben ab 1892. Wolfgang Forstner aus Söchtenau leitet diese ländliche Streichmusik mit zwei Klarinetten und Geige in der Melodie, Sekundgeige und Bratsche in der Begleitung, dazu zwei Trompeten und Kontrabass.
Am Freitag, 3. Mai, um 20 Uhr erklingen die Stücke der alten Kirchdorfer Streichmusik im Rahmen des Projektes „Heimat 1918“ des Museumsnetzwerks Rosenheim in der „Wachinger Mühle“ in Neubeuern. Die Besucher können zuhören oder auch tanzen. Dazwischen singen wir einige deutsche Volkslieder, wie sie nach dem Ersten Weltkrieg in der Volksschule im Fach „Singen“ gelernt wurden, auch einige vom Rosenheimer Verseschmied Michl Kaempfel (1870 bis 1944) getextete Lieder mit Lokalkolorit.