Rosenheim – Das „Theater Herwegh“ hat sich den Hans-Fischer-Saal im Künstlerhof als Theatersaal erobert und inszenierte dort „Maria Stuart“ von Friedrich von Schiller. Regisseur Jörg Herwegh, der auch als Rahmen-Erzähler fungierte, ließ immer alle Figuren auf der Bühne, die er mit hartmetallener Musik beschallen und mit Düsterlicht verschatten ließ. Man kann sich diesen Saal, der sonst Musik oder Vorträgen dient, auch künftig als fantasievoll umgebauten Theatersaal vorstellen.
Herwegh kürzte geschickt das Drama um die beiden Königinnen Elisabeth von England und Maria von Schottland auf (inklusive Pause) knapp zwei Stunden, schnitt Szenen wie in einem Film gegeneinander und schuf damit so viel Spannung, dass man dem Treffen der beiden Königinnen geradezu entgegenfieberte. Reduziert und stilisiert sind die Kostüme: farbige Staatsröcke für die Männer, Schwarz und Weiß für die „Virgin Queen“ Elisabeth und Schwarz und Rot für die wegen ihres Männerverschleißes bekannten Maria.
„Sie ist die Furie meines Lebens!“, klagt Elisabeth über ihre Cousine Maria, deren legitimes Recht auf den Thron von England größer ist als das der unehelich geborenen Elisabeth. Dasselbe könnte auch Maria sagen, für die Elisabeth am Ende zur Todesfurie wird. Herrscherlich und königlich sind beide in Gestalt und Sprache, auch wenn Elisabeth auf einem goldenen Thron sitzt und Maria in einem Stahlgestänge gefangen ist. Sabine Herrweg ist meist von schneidend-klirrender Kälte, ihre Diktion ist sorgfältig-überlegt, sie bewegt sich immer hochaufgerichtet: eine Königin in jeder Faser ihre Leibes. Constanze Baruschke als Maria dosiert souverän die Dynamik ihrer Worte, sie ist auch körperbewegter. Bei ihrem Zusammentreffen bezichtigt Elisabeth genüsslich-kalt Maria der Hurerei: „Es kostet nichts, die allgemeine Schönheit / zu sein, als die gemeine sein für alle.“ Da brüllt Maria ihr zorntrunken mit Schaum vor dem Mund die größte Beleidigung entgegen: „Der Thron Englands ist durch einen Bastard entweiht!“
Dann geht es schnell zum Ende, die Läuterung Marias, ihre Beichte und die Annahme ihres Schicksals spart Herwegh aus. Doch merkt man Herwegh, der selber den Gefängniswärter Paulet spielt, an, wie sehr er Schillers Sprache und Schillers Pathos liebt. Die übrigen Schauspieler gehen unterschiedlich mit den Schiller‘schen Blankversen um: bairisch-redlich Sabine Niederthanner als Marias Amme und Chris Blunser als Graf von Shrewsbury, geschickt Klaus Schöberl als kalter Politiker Burleigh, oft zu leise-heiser Eduard Huber als Lord Leicester, dafür jünglingshaft-schwärmend und tollkühn entflammt Elias Andrich als der junge Mortimer, der Maria liebt, sie retten will und dafür stirbt.
Immer mehr wird man hineingezogen in dieses Drama, in dem sich Erotik, Politik und Religion durchdringen, in dieses Stück Enthüllungspsychologie. Selten wird ein Drama von Schiller in Rosenheim gespielt: Hier ist die Gelegenheit.