Eine Lehrstunde in Sachen Jazzgeschichte

von Redaktion

Von der kraftvollen Trompete bis zum dampfenden Klavier: Das Samerberger Jazzensemble spielte Woody Shaw im „Le Pirate“

Rosenheim – Schon 1988 musizierte der damals junge Schlagzeuger Michael Keul zusammen mit dem großartigen Trompeter Woody Shaw (1944 bis 1989). Fünf Tage vor dem 30. Todestag dieser Hardbop-Legende hat Keul diesem nun in der 72. Ausgabe seines Samerberger Jazzensembles im „Le Pirate“, „Rosenheims einzigem Jazzwohnzimmer“, so Keul, ein Konzert gewidmet.

Mit dabei waren der Bassist Ernst Techel, der Pianist Tizian Jost und der Posaunist Johannes Herrlich, der frisch aus Wien angereist kam, wo er eine Professur für Jazz innehat. Die ehrenvolle Rolle von Woody Shaw spielte Trompeter Claus Reichstaller, Leiter des Münchener Jazzinstituts, mit Bravour, war er doch auch Shaws Nachfolger in der legendären Paris Reunion Band gewesen.

Für die Zuhörer war der Abend eine Lehrstunde in Jazzgeschichte, denn Michael Keul übernahm die witzige und informative Moderation und hatte zur anschaulichen Präsentation einige Woody-Shaw-Platten mitgebracht, auf denen auch die ausgewählten Stücke zu finden sind. Shaws geschmackvoller und innovativer Hardbop wurde vom Samerberger Jazzensemble dynamisch und mitreißend interpretiert. Den Auftakt bildete Shaws entspannter Bossa „Sweet Love Of Mine“, gefolgt von „400 Years Ago Tomorrow“, einer mehrteiligen Komposition des Pianisten Walter Davis Jr., die schon den Wechsel zwischen Latin und swingenden Up-Tempo-Passagen enthielt, der typisch für viele andere rhythmisch interessant strukturierte Hardbop-Standards des Abends war. Besonders „Green Street Caper“, das auf der harmonischen Basis von „On Green Dolphin Street“ auch die wendigen Basslinien Ernst Techels herausstellte.

Mit den beiden Jazz-Walzern „Katrina Ballerina“ und „United“ kamen zwei charakteristisch konträre Kompositionen hinzu, wobei Reichstaller zuerst sein Flügelhorn einfallsreich einsetzte, dann wieder kraftvoll zur Trompete griff. Aus der Feder von Shaws Ehefrau stammte die wunderschöne Ballade „Just a Ballad for Woody“, deren Anfang stark an „Body and Soul“ erinnert, dann aber andere harmonische und melodische Pfade durchläuft.

Neben dem vielseitig improvisierenden Claus Reichstaller erklang die coole und geschmeidig gespielte Posaune von Johannes Herrlich, der auch alle Register moderner Jazzphrasierung zog. Dazu sorgte der geniale Tizian Jost mit seinen Steigerungen von perlenden Klanggirlanden zu engen Blockakkorden für Jazzclub-Atmosphäre. In Bobby Timmons‘ Komposition „Dar Dere“, dem souligsten Stück des Abends, brachte Jost das Klavier förmlich zum Dampfen. Danach erklang Shaws außergewöhnliches Stück „Zoltan“, das er ausgehend von einem Motiv des ungarischen Komponisten Zoltán Kodály komponiert hatte. Mit seiner marschartigen Einleitung, der besonderen Melodie und einem akzentuierten Schlagzeugsolo bereicherte es das Programm um eine weitere stilistische Dimension.

Liedhaft-lyrisch endete das vielseitige Konzert, als das gut aufeinander abgestimmte Quintett dem begeisterten Publikum als Zugabe den Standard „Diane“ mit auf den Heimweg gab.

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