Von Mördern und Eichhörnchen

von Redaktion

„Regie als Faktor“ präsentiert Musils Roman in der Rosenheimer Vetternwirtschaft

Rosenheim – Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ geht in die dritte Runde. Diesmal steht quasi überlebensgroß im Rampenlicht der Frauenmörder Moosbrugger, im Gegensatz zur Hauptfigur, Ulrich, sehr wohl ein Mann mit ausgeprägten Eigenschaften. Mit brachialer Gewalt weiß er sich Angreifer vom Leibe zu halten; doch nebenbei mordet er bestialisch und pedantisch- gründlich eine ihm lästige Prostituierte. „Ein enigmatischer Mörder“ meint Regisseur Dominik Frank. Tatsächlich ist vieles an diesem Monster rätselhaft: Ist er ein Lustmörder, ein Sadist, mordet er aus Ekel oder ist er als unzurechnungsfähiger Psychopath einzustufen?

Den „Tag der Museen“ nahmen die Macher, Dominik Frank und Valerie Kiendl, beim Wort und führten das Publikum ins „Museum“: Der Spielort ist an den Wänden mit Textausschnitten beklebt, die in der gewohnt präzisen Diktion Musils das Thema umkreisen. Und wie im Museum gibt es keine Sitzplätze, man steht, liest und staunt. In der Mitte des Raums nämlich, in einem gläsernen Käfig sehen wir den Mörder. Dieser wird von der jungen Schauspielerin Amrei Scheer verkörpert. In fließendem weißem Gewand und mit langer schwarzer Perücke steht sie melancholisch verhangenen Blicks vor den Beschauern. Und die sind sicher nicht ungehalten, statt einem vierschrötigen Mann „von gutem Ernährungszustande“ einer wohlgestalten weiblichen Figur gegenüber zu stehen. Das hatte allerdings auch praktische Gründe, denn zu gegebener Zeit verwandelt sich Amrei Scheer in das Opfer Moosbruggers, das in knapper Bekleidung verführerisch posierende Straßenmädchen.

Musiker Atwain tauchte den Raum in ein bedrohlich grummelndes Klangkontinuum, manipulierte dazwischen an seiner E-Gitarre und erzeugte kratzende und schneidende Geräusche. Eine maßgeschneiderte und passgenaue „Drohkulisse“!

Emanzipation des Publikums: Ausgewählte Besucher durften kurze Musil-Texte ins Mikrofon sprechen! Ein Romankapitel ist überschrieben „Moosbrugger denkt nach“. Eine weitere beachtliche Eigenschaft dieses rätselhaften Mannes also, er denkt nach über Worte und ihre Bedeutung, sie scheinen ihm unzuverlässig, weil der Sinn oft wegrutscht: Warum heißt das Eichhörnchen Eichhörnchen oder gar „Eichkatzl“, da es weder ein Horn hat noch eine Miez ist? Aber ein „Baumfuchs“, wie man in Hessen sagt, ist es noch viel weniger!

Übrigens: Trotz der 35 Stiche im Bauch, der vom Nabel bis zum Kreuzbein reichenden Schnittwunde und der abgeschnittenen Brüste floss im Theater kein Tröpfchen Blut. Man vertraute dankbarerweise auf die Imaginationskraft der Zuschauer. Schließlich befreite sich Amrei Scheer aus ihrer beengten Vitrine und hielt– jetzt in schwarzem Pulli und schwarzer Hose – einen abschließenden „Monolog“, dabei immer wieder Zuschauer mit verfänglichen Fragen attackierend. Diese quittierten Aufführung und schauspielerische Leistung mit lang anhaltendem Beifall.

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