Der Mensch und seine Haltung zur Welt

von Redaktion

„Kunst aktuell“ Jahresausstellung des Kunstvereins Rosenheim in Städtischer Galerie

Kunstpreis 2019 für Keiyona C. Stumpf: „bosom body“ (Keramik mit Silikon-Fäden).

Rosenheim – Ihrem Namen macht die Jahresausstellung des Rosenheimer Kunstvereins alle Ehre: Bei „Kunst aktuell“ in der Städtischen Galerie sind heuer ganz besonders viele junge Künstler zu entdecken, wobei der Blick weit über die Region hinausreicht. Aus 289 Bewerbungen hat die Jury – Maximilian Erbacher, Christian Hess, Bernhard Paul, Melanie Siegel und Almut Wörle-Russ – 120 Arbeiten von 73 Künstlern ausgewählt und schön arrangiert.

Es ist keine Ausstellung, die es dem Zuschauer leicht macht. „Auftrag eines Museums und von Kunstausstellung ist es Differenzerfahrung zu ermöglichen: nicht immer nur mit dem, was man eh schon kennt und mag, sondern etwas Neues, das einem fremd ist – erst so kann sich Toleranz entwickeln und Freude über eine Vielfalt in dieser Welt.“ Was Dr. Ulrich Schäfert in seiner Laudatio auf die Kunstpreisträgerin 2019 Keiyona C. Stumpf sagt, lässt sich auf die gesamte Ausstellung übertragen.

Ein mächtiges Eisentor von Franz-Ferdinand Wörle rostet gleich im ersten Saal vor sich hin. Doch für so viel Eisen ist der Durchgang überraschend klein – ein Durchschreiten, ja selbst ein Durchkriechen ist nicht möglich – und seine abgeschrägten Wände verleiten nicht zum geraden Durchblick, sondern sorgen für eine schräge Perspektive.

Ebenfalls im Eingangsraum befindet sich Thomas Breitenfelds Skulptur „Tusks05“ (englisch für Stoßzähne): Hölzerne Schalenformen sind in zwei Strängen so zusammengefügt, dass sie wie ein organischer Panzer wirken. Die Reihen von Zahnstochern, die abweisend wie Stacheln nach außen schauen, verstärken diesen Eindruck des Wehrhaften noch. Braucht die Schöpfung Schutz? Organisches trifft hier auf Menschengemachtes: Oben laufen die beiden Hälften im hölzernen Kubus eines Hauses zusammen.

Der Mensch
und die Natur

Mit dem Thema, wie sich der Mensch zur Natur verhält, beschäftigt sich auch der Münchner Künstler Hans Lindenmüller. Wie Vogelhäuschen kleben seine schuhschachtelgroßen Bauten an die Wand. Doch sie wirken keineswegs heimelig – ganz im Gegenteil: Wie Bunker drängen sie zusammen, statt Fenster und Eingängen gibt es nur schmale Schlitze, die an Schießscharten gemahnen. Wer wohnt dort? „Polulation“ heißt das Werk, ein Kunstwort, das an die englischen Begriffe „Population“ (Bevölkerung) wie „Pollution“ (Verschmutzung) denken lässt. Will Lindenmüller hier die Wohnformen der Zukunft vorwegnehmen – als Mahnung, Überbevölkerung und Umweltverschmutzung ernst zu nehmen? Oder ist es ein Verweis auf Behausungen von Insekten und Vögeln, die das Artensterben nur in solchen Schutzbauten überleben können? Sein Vertrauen sollte man vielleicht nicht darauf setzen: Denn was auf den Betrachter wie unzerstörbarer Beton wirkt, ist in Wahrheit ein höchst fragiles Gebilde aus Polymergips.

Ebenfalls im ersten Raum: „Masken“, zwei fotografischen Arbeiten von Bettina Gorn. Entstanden sind die Fotografien bei einer Tanzvorführung, die verwischte Unschärfe vermittelt einen Eindruck von Bewegung. Die Tänzer tragen die titelgebenden Masken, verweisen auf Fragen der Identität, des Rollenverhaltens und des Verbergens.

Wie ein Bild wirkt die gerahmte Arbeit von Anja Buchheister aus München. Doch tatsächlich ist das Objekt im Bilderrahmen – es trägt den Titel „Construction“ – eine Montage aus ausgeschnittenen Drucken und gemalten Formen, mit echter räumlicher Tiefe statt gemalter Illusion.

Zwei sehr unterschiedliche Arbeiten korrespondieren miteinander: Da ist „Wasser-Werfer“ von HeinzMartin Weiand: Die Schwarz-Weiß-Fotografie, die das Element Wasser im Moment des Werfens zeigt, wirkt auf den Betrachter wie ein abstraktes Gemälde – und funktioniert auch so: Denn das Foto fängt hier eben nicht ein, was wir sehen, sondern ermöglicht einen Blick auf die Details einer Bewegung, die so schnell ist, dass sie vom menschlichen Auge gar nicht erfasst werden kann. Nur wenige Meter weiter hängt dagegen ein Gemälde von Gerhard Prokop, das wie eine Fotografie wirkt. „Quartieri Spagnoli“ zeigt die fotorealistische Wiedergabe eine Straßenschlucht. Wie immer bei Prokop ist darauf kein Mensch zu sehen und wie immer schwingt in dem ebenso scheinbar simplen wie mit höchster handwerklicher Präzision gemalten Motiv eine immense Bedeutungsfülle mit. Das Stadtviertel Neapels gilt als Brutstätte der Camorra. Was hier so pittoresk anmutet, ist in Wahrheit ein sozialer Brennpunkt, dem sich Prokop mit gleichmäßiger Tiefenschärfe nähert.

Die Haltung des Menschen zur Welt ist das Thema von Johanna Schelle. Ihre beiden rund 45 Zentimeter großen, titellosen Skulpturen aus Lindenholz stehen nicht nur einfach still da: Die Frauenfiguren scheinen den Kontakt zum Betrachter und zu ihrer Umgebung zu suchen, schauen sie dem Besucher in die Augen oder betrachten sie die Kunstwerke, die sie umgeben?

Verkaufsschlager der Ausstellung sind die postkartengroßen Zeichnungen von Katharina Beyer aus München. Es sind schnelle Arbeiten mit Filz- und Buntstiften sowie Textmarkern. Die Serie „Stadtblick(e)“ zeigt Momentaufnahmen, schnappschuss-ähnliche Motive, wie sie beim Spaziergang durch die Stadt ins Auge falle.

Zwischen Schönheit und Ekel

Den mit 2000 Euro dotierten Kunstpreis 2019 hat Keiyona C. Stumpf – sie lebt nahe Augsburg und in München – für ihre glasierte Keramik-Arbeit „bosom body“ erhalten, wörtlich übersetzt Brust-Körper, phonetisch ählich dem „bosom buddy“, dem Busenfreund. Wie ein Thorax angeordnet sind die Schalen, die sich öffnen, aufbrechen und den Blick freigeben auf zarte Anemonen und blutiges Gekröse. Eine Arbeit, die sich zwischen üppig-barocker Schönheit und körperlichem Ekel bewegt, ergänzt mit Ketten aus roten Silikonkugeln, die an Schmuck oder Rosenkränze erinnern. Ein schaurig-schönes Kunstwerk mit etlichen Bedeutungsebenen.

Zu sehen ist eine Vielzahl weiterer interessanter Arbeiten: Loreen Fitsch aus Diedesheim „zeichnet“ mit der Schreibmaschine. Heidemarie Hauser ist mit zwei ihrer geheimnisvollen Fotografien vertreten, die die Geschichte, die hinter ihnen steckt, nicht so einfach preisgeben wollen. Elisabeth Mehrl verhandelt in ihrem Bild „Was bleibt“ (Acryl auf Leinwand) das Thema Erinnerung. Peter Pohl zeigt auf zwei Bildern etwas, das es gar nicht gibt, nämlich „Schneeameisen“. Peter Weigel diskutiert die Abstimmung von Farben und Farbtönen sowie die Anordnung von Formen. Sigrid Pahlitzsch schafft mit drei Farbflächen in Blau, Schwarz und Gelb eine Hommage an Henri Matisse. In Michael Bednariks Drucken geht es um das Thema Abweichungen, der Titel „Clinamen“ verweist auf die antiken Autoren Epikur und Lukrez und ihre Vorstellung des Zufalls, der durch kleine Abweichungen neue Sinnzusammenhänge schafft. Ute Lechner ist mit einer zwei Meter hohen Messingsstele – „Aufstieg“ – vertreten, deren eine Seite sanft gezackt ist.

Bemerkenswert in ihrer mehrfach gebrochenen Ironie ist die Video-Arbeit von Leonhard Huber, Kunststudent aus Rosenheim. Er zeigt Video-Sequenzen aus dem österreichischen Bilderbuchdorf Hallstatt, das vor allem bei chinesischen Touristen beliebt ist. So beliebt, dass das Dorf originalgetreu als Tourismusattraktion in China nachgebaut wurde. Auf den Aufnahmen im echten Hallstatt sind nur Asiaten zu sehen, was die Verortung erschwert. Dazu werden Internet-Kommentare eingeblendet und zeitgleich vorgelesen, die sich allesamt auf das chinesische Imitat-Dorf beziehen. Ein ebenso kluges wie dezentes Spiel mit Fragen der Globalisierung, der Identität, der sozialen Medien, der Authentizität und nicht zuletzt mit dem Begriff der Heimat.

Bis 23. Juni

Zu sehen in der Städtischen Galerie Rosenheim, Max-Bram-Platz 2, bis 23. Juni; Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 13 bis 17 Uhr, sowie Donnerstag, 20. Juni, 13 bis 17 Uhr.

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