Amerang – Zwei Verdi-Opern – „La Traviata“ und „Rigoletto“ –, zwei Mozart-Opern – „Die Zauberflöte“ und „Don Giovanni“ – und die Oper von Gaetano Donizetti, „Lucia di Lammermoor“, stehen im Sommer 2019 auf Schloss Amerang auf dem Programm. „La Traviata“ wird erstmals nicht im intimen Renaissance-Arkadenhof des Schlosses, sondern auf der großen Bühne in der Panorama-Reithalle des Gestüts Schloss Amerang gespielt. Im Interview erklärt Festspiel-Intendant und Opern-Regisseur Ingo Kolonerics wie er dieses Pensum bewältigt.
Die Sommerfestspiele Schloss Amerang beginnen mit einer großen Operngala am 22. Juni, und schon eine Woche später feiert „La Traviata“ Premiere auf der großen Bühne. Wie transferiert man so eine Inszenierung?
Unsere Künstler haben schon Erfahrung mit Inszenierungen auf größeren Bühnen. Der großzügige Raum gibt mehr Möglichkeiten, die wir natürlich nutzen werden. Ich freue mich auf diese Herausforderung!
Die nächste Premiere findet am 19. Juli im Innenhof statt: „Lucia di Lammermoor“ von Donizetti. Inszenieren Sie das eher als private Liebestragödie oder als religiös-politischen Konflikt?
In vielen großen Belcanto-Opern geht es meistens um eine Liebe, die durch äußere Umstände verhindert wird. Politische Konflikte sind dabei meist nur der Rahmen. Es sind doch immer persönliche Schicksale und Emotionen, die uns durch den Gesang und die Musik berühren.
Hass, Treue, Druck der Familien, gefälschte Briefe, vermeintliche Untreue, Duell, Selbstmord – da ist ja alles drin für einen Krimi. Wie vermeiden Sie Klischees – hier der Bösewicht, da die Liebenden?
Klischees in der Oper sind mir wesentlich lieber als sogenannte moderne Inszenierungen, die mittlerweile auch zu Klischees ihrer selbst geworden sind. Wir vermeiden beides. Durch junge Sänger, die ihre Künstlerpersönlichkeit und ihre Interpretationen einbringen dürfen und nicht vom Regisseur instrumentalisiert werden. Lucia di Lammermoor ist ein Werk des Belcanto – was so viel wie Schöngesang heißt. Das nehmen wir uns zu Herzen!
Die Titelrolle hat ja eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Bei der Uraufführung 1835 wurde aus dem ursprünglich vorgesehenen dramatischen Sopran die Partie einer Koloratursopranistin. Das ganze Werk erlebte zudem viele Kürzungen. Inzwischen ist eine Rückbesinnung im Gange. Was erwartet die Zuschauer auf Schloss Amerang?
Das Publikum darf sich auf unsere junge Primadonna freuen: Dilay Girgin wird die Lucia singen. Mit einer jungen frischen Stimme, höhensicher und durchschlagskräftig. Lucia war die Glanzpartie von Callas, Sutherland, Caballé usw. Heute gibt es kaum noch solche Sängerinnen. Aber da und dort kommen junge Talente hervor.
Wird es die berühmte Glasharmonika geben?
Lassen Sie sich überraschen.
Einen Tag später hat Mozarts „Don Giovanni“ Premiere. Erst die leidende Frau, dann der Verführer. Wie bewältigt man dieses Wechselbad emotional und auch zeitlich mit den Proben?
Der Probenslalom ist manchmal eine Herausforderung, aber das trifft auf alle zu – Sänger, Orchester, Technik – , die in diesem Business Oper arbeiten. Emotional sollte man dabei gefestigt sein, sowohl auf als auch abseits der Bühne.
Anders als „Lucia di Lammermoor“ endet „Don Giovanni“ mit einem Happy End. Laut Untertitel „Der bestrafte Wüstling“ wird der Titelheld von der Erde verschlungen. Am Schluss singen alle: „Dies ist das Ende dessen, der Böses tut!“ Wird es in Ihrer Inszenierung Anklänge an die Me-too-Debatte geben?
Das wäre dann ein Klischee. Es ist mir wirklich wichtig, dass jeder Zuschauer auch „seine“ Interpretation des Werkes findet. Wir stellen es ihm vor, wie es der Autor verfasste. Jede Zuschauerperspektive wird eine andere. Otto Schenk sagte mal: Die beste Regie, ist die, die man nicht merkt.