Rosenheim – Toni Müller inszeniert in der Theaterinsel Rosenheim Calderóns „Dame Kobold“ als bei aller Konvention reges Lustspiel mit viel Witz und Wärme.
Die junge Witwe Donna Angela (Sophia Pölcher) wird von ihren Brüdern Don Juan (Florian Rottmayr) und Don Luis (Ronald Urban) zu einem geradezu mönchisch- eingeschlossenen Lebenswandel angehalten. Doch der lebenslustigen Angela kann so ein freudloses Dasein im Dienst von Ehre und Anstand nicht genügen. Pedro Calderón de la Barca, einer der bedeutendsten Dichter des goldenen Zeitalters der spanischen Kunst, greift auf ein bekanntes Motiv zurück, wenn er das Gemach Angelas mit einer geheimen Tür versieht, die in ein anderes Zimmer des Hauses führt – in das alsbald Don Manuel (Fabian Behr), ein Freund Don Juans als Gast einzieht. Angetan von dem Fremden beginnt Angela, unterstützt von ihrer Cousine Donna Beatrix (Angela Putner) ihre geheime Mobilität zu nutzen, um als verliebter Hausgeist (oder eben: Kobold) den Gast heimzusuchen; die perfekte Disposition für ein herrliches – und zuletzt natürlich harmonisch gelöstes – Verwirrspiel.
Beachtlich ist, wie es dem Ensemble gelingt, trotz einer Vielzahl hinlänglich bekannter Elemente – Calderón selbst legte sein Stück explizit als Neubearbeitung eines bestehenden Stoffes an – und angesichts der wunderbar verspielten Absehbarkeit der Handlung, durchgehend weder in die Verlegenheit der ratlos-statischen Wiedergabe noch der unbegründeten Überinterpretation zu verfallen. Dem Mantel-und-Degen-Stück wurden Mäntel und Degen(gefechte) gelassen, dem konzentrierten, raumgreifenden Spiel der Schauspieler, die der rund 100 Jahre alten Übertragung Hugo von Hofmannsthals allesamt mit Bravour gerecht wurden, ist die niveauvolle Kurzweiligkeit des Stücks in der Hauptsache zuzuschreiben.
Die „Dame Kobold“ besticht als Gesamtleistung aller Darsteller: Sophia Pölcher und Fabian Behr meisterten die asymmetrische Dynamik zwischen dem geradlinigen Don Manuel und der in ihrem Sittenkäfig gleichsam umhertigernden Donna Angela äußerst überzeugend, doch Gleiches gilt auch für Florian Rottmayr als Familienoberhaupt, besorgter Bruder und überdies Verehrer der von Angela Putner zumeist als beherrschter Kontrapunkt zur überschäumenden Angela gespielten Beatrix, sowie für Justus Dallmer, der als Diener von Don Manuel mit naturkomischem, bauernschlauem Klamauk bisweilen gar die sich langsam manifestierende Romantik zu torpedieren drohte, Birgit Schier als gewiefte Zofe Donna Angelas, und auch für Ronald Urban, dessen schwerfällig-pingeliger Don Luis sich gut ins Gesamtbild fügte, begleitet von seinem Diener Rodrigo, welcher geringsten Rolle Bernhard Funk noch einigen Charakter entnehmen konnte.
Toni Müller gelingt das Kunststück, eine scheinbar staubig-sperrige Materie in klassischer Form erstrahlen zu lassen: Die „Dame Kobold“ ist ein präzise entfaltetes Vergnügen; die Leistung der Darsteller und der Regie äußerte sich als schnörkelloses Zurücktreten hinter die zeitlos-lustvollen Wirrungen des Calderónschen Stückes.