Wasserburg – Kaum ist Ostern vorbei, umwehen den Zuschauer bei den 15. Wasserburger Theatertagen bereits wieder Weihnachtsklänge noch ehe das Spiel beginnt. Doch das ist gedacht als Einstimmung auf die Produktion des Münchner Theaters „und so sofort“ mit dem sprechenden Titel „Am Ende beginnt“. Die Geschichte spielt zur Weihnachtszeit und ist in gewisser Weise auch ein Weihnachtsmärchen, das die Wandlung von Egoisten in empathiefähige Menschen vollzieht.
Petra Wintersteller, Autorin und Hauptdarstellerin zugleich, greift tief in ihre Erfahrungskiste, die sie in der Lee-Strassberg-School in New York während ihres Schauspielstudiums angelegt hat. Ihr Zugriff ist es, Gefühle zu evozieren und sich Personen anzuverwandeln.
In Zeiten von ewig nur ausstellender Theater-Performance und bombastischer Filmeinspielungen eine sehr sympathische Angelegenheit, die das Publikum dankbar mit viel Beifall bedenkt – auch wenn das Thema keineswegs leicht kommensurabel ist. Denn es wird nichts Geringeres verhandelt als die Hilflosigkeit des Menschen angesichts eines Sterbenden und das Ende der Kindheit.
Da trifft ein Geschwisterpaar am Sterbebett des Vaters aufeinander, und was als holpriger, durchaus auch komischer Smalltalk beginnt, entwickelt sich rasch zur Entlarvung von Lebenslügen. Auf die flapsige Bemerkung „Ja, wo leben wir denn“ folgt sofort die Antwort: „Da, wo wir auch sterben“. Ebenso knackig beißen sich die beiden auch durch den sinnlos als Präsent mitgebrachten Fresskorb, den der hinter der verschlossenen Krankenhaustür liegende sterbende Vater ja wohl kaum mehr goutieren kann.
Die Leben der beiden ungleichen Geschwister werden in all ihren Erwartungen, Enttäuschungen und Verletzungen aufgedröselt. Wobei es gar nicht so sehr um das jeweils Individuelle geht, als um das Prinzip. Jeder bezieht alles nur auf sich und ist nicht in der Lage, auch die anderen Handelnden zu begreifen. „Schade, dass er erst krank werden musste, um sich zu ändern“, sagt der Sohn, der seinen Vater nicht sehr positiv erlebt hat. Aber dieses nahende Ende ist es, das auch den Geschwistern einen neuen Blick auf das Leben ermöglicht.
Petra Wintersteller und Heiko Dietz als Stefanie und Stefan (die eben kein Volksmusik-Duo geworden sind, wie die Namen nahelegen würden) sind unaufdringliche Akteure, die sich – handwerklich solide – durch kleine Gesten verständigen. Er greift sich immer wieder an den Hals, um den Krawattenknoten zu lockern, und sie wirft mit erschöpft geschmerzten Blicken um sich. Regisseur Winfried Frey setzt da ganz auf einen Realismus, der es dem Zuschauer leicht macht, sich in die Lage der beiden zu versetzen, gar ähnlich erlebte eigene Situationen zu reflektieren.
Dass zwischendurch immer mal wieder Humor durchblitzt und die beiden gar lachend und singend im tristen Krankenhausflur zu einem erinnerungsseligen Einverständnis finden, reißt sie aus ihrer Alltags-Existenz heraus hinein in eine neue Leichtigkeit – dem Sterben und dem Leben gegenüber. So strecken die Geschwister am Ende ihrem alten Kinder-Ich die Zunge heraus und überschreiten angstfrei die Schwelle.