Risse im Glück

von Redaktion

Wasserburger Theatertage Zentraltheater München mit „Wir kommen“ im Belacqua

Wasserburg – „Das Leben ist eines der schwersten…“ Dieser betagte Kalauer ging einem unwillkürlich durch den Kopf, als „Wir kommen“ nach dem Roman von Ronja von Rönne in atemberaubendem Tempo im Rahmen der Wasserburger Theatertage in Szene ging. Gefahr einer Panikattacke fürs Publikum? Wir werden sehen.

Die Regie (Lea Ralfs und Max Wagner) hatte den Text in markante Bilder und Aktionen umgesetzt. Kulissen? Auf der Bühne standen nur schwarze Kuben und dicke Vierkantsäulen herum, mal als Sitzgelegenheit und Tischchen für kleine, schicke Blumensträuße gedacht, aber auch, übereinander getürmt, als Sichtschutz für intime Spielchen zu viert… Die Technik (Magdalena Müller) setzte unaufdringlich aber nachdrücklich Akzente. Der Plot? Fehlanzeige! Doch die wirbelnden Szenen und zuweilen sehr pointierten Sprüche versuchen, das Lebensgefühl einer sehr jungen Generation einzufangen, einen Mix aus Depression und bemühter Ironie.

Zur Sache: Nora (Anuschka Tochtermann), in einem furios-hysterischen Monolog, thematisiert atemlos ihre Panikattacken und Depressionen. Traumatische Erinnerungen peinigen sie: Schließlich entstammt sie einer dörflich engen Spießerhölle, in der akkurates Rasenmähen als Zeichen höchster Wohlanständigkeit gilt. Nun ist auch noch Maja unvermutet gestorben, ihre beste Freundin aus Kindheitstagen. Doch ist Maja wirklich tot? Sie hätte Nora doch „davor Bescheid gesagt“.

Nun hilft nicht einmal mehr Noras Therapeut. Der verkrümelt sich in den Urlaub und lässt inzwischen seine Patientin Tagebuch führen. So erfahren wir, dass Noras „einst so progressive Beziehung zu viert“ ins Schlingern gerät und kurz vor dem Absturz steht. Karl (Franz Xaver Zeller) schwärmt zwar von kuscheliger Geborgenheit, denn drehe man sich im Bett herum, habe man auch auf dieser Seite wieder ein Gegenüber – ein probates Mittel gegen Einsamkeit!

Man versucht sich mit „Meta-Witzen“ seelisch über Wasser zu halten: „Wie hieß der Hund? – „Wurst!“ – „Nein, es ist mir nicht egal!, ich möchte wirklich wissen, wie er hieß“ – „Der Hund hieß…“ Aber was „Poststrukturalismus“ bedeutet, wissen sie alle vier nicht…

Doch die Risse werden sicht- und hörbar: Leonie (Malene Becker) rennt immer wieder gegen die Wand. Will sie sich tatsächlich den Schädel einschlagen? Immerhin blutet sie malerisch. Jonas (Nicolas Wolf), der Vierte im erotischen Bunde, ist höchst unzufrieden mit der Situation und schimpft unter mehrfachem Gebrauch des Wortes „Scheiße“.

Schließlich tritt man die Flucht nach vorne an und fährt ans Meer (die Protagonisten sind natürlich wohl situiert). Dort schmeißt man lustvoll die Handys ins Wasser, ebenso wie Jonas‘ Laptop, der das aber gar nicht lustig findet. Doch Karl stimmt ein befreites „Halleluja“ an und möchte auch das Publikum zum Mitsingen animieren. Die Zuschauer lassen sich aber nur ungern aus ihrer passiven Konsumentenhaltung locken. Abschließender Kommentar Karls, leicht resigniert: „Trotzdem Danke!“

Unterschiedlicher hätten die vier Schauspieler nicht sein können: Anuschka Tochtermann als Nora: Intelligent, jedoch körperlich und psychisch fragil.

Malene Becker als Leonie brachte ihre mitreißende Körperlichkeit brillant ins Spiel, auch wenn sie mitunter das etwas tollpatschige Püppchen mimen musste. Franz Xaver Zellers Karl, ein sympathischer Vital-Bolzen wie aus dem Bilderbuch, strahlte intensive Lebensfreude aus, während Nicolas Wolf als Jonas den vergrübelten und gerne übelnehmerischen Intellektuellen verkörperte.

Die Schauspieler wurden mit enthusiastischem Beifall der trotz schönsten Sommerwetters doch recht zahlreichen Zuschauer belohnt. Man möchte nicht in diesem Psycho-Sumpf mitmischen müssen, aber der Blick in diese Welt war kurzweilig und genussvoll. Sollten noch Fragen oder Irritationen geblieben sein – trotzdem: Danke!

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