Über die weise Schwester der Liebe

von Redaktion

Interview Das Schriftsteller-Ehepaar Rafik Schami und Root Leeb über Freundschaft

Rosenheim – Ende Mai fand im Ballhaus eine Lesung mit Rafik Schami und Root Leeb statt. Der bekannte Autor erzählte und las abwechselnd mit seiner Frau Root Leeb vor ausverkauftem Saal aus dem neuen Buch „Auf die Freundschaft“. Als Herausgeber dieser Anthologie schreibt Rafik Schami neben vielen anderen klugen Sätzen: „Mir ist es nach über 70 Jahren intensiven Lebens wichtig zu betonen, dass in keinem Jahrhundert die Freundschaft notwendiger war als in unserem, um das Glück der Menschen zu befördern.“ Die OVB-Heimatzeitungen haben sich mit dem Schriftsteller-Ehepaar unterhalten – natürlich über die Freundschaft.

Vielen Dank, dass Sie sich beide die Zeit genommen haben. Reden wir über die Freundschaft?

Rafik Schami: Ja gerne, sehr gerne!

Ihre über 60 Bücher erscheinen in ungewöhnlich vielen unterschiedlichen Verlagen, wobei jeder immer mal wieder dran kommt. Das sieht nach einem großen Freundeskreis aus, oder was steckt dahinter?

Schami: Ein Freundeskreis unter Verlagen? Sagen wir so: Bei meinen Weg habe ich von Anfang an – ich war schon nach einem Jahr Mitglied im Schriftstellerverband – Gespräche mit erfahrenen Kollegen geführt und die haben mir einen goldenen Tipp gegeben: Unterschreibe nie einen Vertrag mit Optionsrecht! Was mir verbieten würde, meine Bücher dort zu veröffentlichen, wo sie hinpassen. Und ich habe eine Nase dafür, wo ein Buch hinpasst! Auch wenn die Option mit einer üppigen Vorauszahlung verbunden war, wollte ich das nicht. So bleibe ich niemandem – auch Freunden – etwas schuldig und bekomme nur Geld für Bücher, die auch verkauft worden sind. So bin ich mit keinem meiner Verlage „verheiratet“ und in jedem Gespräch habe ich von Anfang an gesagt: Ich bin frei!

Passen Freundschaft und Freiheit gut zusammen?

Root Leeb: Doch, ganz sicher, aber es ist schon so, dass Verleger nicht immer Freunde sind, von Ausnahmen abgesehen. Doch es ist wichtig, dass wir durch unseren Weg frei bleiben in unseren Entscheidungen.

Sie, Herr Schami, haben sich dafür entschieden, gerne auf Lesetournee zu gehen. Aus Erfahrung weiß ich, dass nur ganz wenige Autoren das wirklich mögen. Warum ist das bei Ihnen anders?

Schami: Ich mache das wirklich sehr gerne, ich bitte sogar die Verlage ausdrücklich, mich auf Reisen zu schicken! Wissen Sie, ich komme aus der mündlichen Erzähltradition und Bücher mache ich auch deshalb gerne, damit ich sie mündlich weitergeben kann. Das heißt, ich lese eigentlich nicht vor, sondern ich erzähle frei. Auf diese Weise ist jeder Auftritt nicht nur eine „Lesung“, sondern etwas Besonderes. Und meine größte Freude ist, dass ich das in einer fremden Sprache versuchen darf und es gelingt! Als Kind kenne ich diese Tradition aus Damaskus, wenn uns ein Erzähler weise und unterhaltsam zum Lachen bringt – Lachen ist für mich ein kluger Schmuggler von Gedanken und dabei jeder Predigt überlegen – und genau deshalb gehe ich so gerne auf Reisen, zusammen mit Root, sie geht deshalb auch gerne…

Leeb: Das hat aber schon ein bisschen gedauert! Zu Anfang mochte ich das überhaupt nicht, doch dann habe ich erkannt, dass Bücher nur wirklich ein Leben haben, wenn sie vorgestellt werden. Und dass man als Autor, Autorin im Kontakt mit dem Publikum eigentlich nur lernt.

Sehen Sie darin auch eine Möglichkeit, Freunde zu finden?

Schami: Da bin ich schon ein bisschen skeptisch – na schön, wir beide haben uns ja auch auf einer Lesung kennengelernt, obwohl es dann mit uns schon auch noch gedauert hat… (Beide lächeln, kleine nachdenkliche Pause)

Jede Freundschaft beginnt mit einem ersten Kontakt. Heute haben wir offenbar eine Inflation von Erstkontakten, meist unpersönlich über die sozialen Medien, also mehr „Wegwerfkontakte.“ Ist das eine Gefahr für die Freundschaft?

Schami: Wegwerfkontakte trifft es gut, doch die Gefahr für die Freundschaft ist eher unbedeutend….

Leeb: Aber sie ist da! Weil viele Menschen etwas für Freundschaft halten, was keine Freundschaft ist! Was ist denn bitte wahre Freundschaft? Ganz sicher nicht die Facebook-Likes und die Anzahl der Freunde, die man da sammelt.

Schami: Falsche Freundschaft, falsch angenommene oder eingebildete Freundschaft gibt es, das gebe ich zu, und Facebook ist ja von A bis Z nichts anderes! Aber die Gefahr wird überschätzt! Denn Lügner, Schwindler etc. hat es immer gegeben und wird es immer geben – aber sie werden niemals die wahre Freundschaft gefährden, die zwei Personen füreinander empfinden. Entschuldigung, ich sehe das so.

Leeb: Aber es ist doch so, dass die Menschen durch die sozialen Medien heute sozial einfach so verkrüppelt sind, dass sie im normalen Leben viel weniger echte Freundschaften schließen können.

Schami: Die Verkrüppelten sind gefährdet, sicher. Aber keiner, der erhaben ist über diese Medien.

Leeb: Gut, einverstanden – die wirklich wahre Freundschaft wird von Facebook & Co. nicht tangiert. Und heute Abend werde ich einen Text über genau dieses Thema lesen.

Leben wir in einer guten Zeit für die Freundschaft?

Schami: Es ist keine wirklich gute Zeit! Die Freundschaft ist sogar richtig gefährdet, darum ist es notwendig, sie als Idee zu verteidigen und darüber offen zu reden!

Was ist der größte Feind der Freundschaft: Das Ego? Oder die Ansprüche? Vielleicht die Angst?

Schami: Von allem ein bisschen, aber eigentlich ist es die Respektlosigkeit! Sie ist der größte Feind, durch sie entsteht der Verrat, die Untreue. Freundschaft braucht drei Elemente: Respekt, Treue und Zuverlässigkeit. Die drei in Summe sind die Basis für das Vertrauen, ohne die keine Freundschaft entsteht.

Schließen Optimisten schneller Freundschaft? Anders gefragt: Brauchen Pessimisten besonders gute Freunde?

Schami: Das Letztere stimmt auf jeden Fall!

Leeb: Was uns angeht, so sind wir beide eher Realisten. Und ich selber bin je nach Situation mal optimistischer, mal pessimistischer.

Schami: Ich habe mal gelesen, sinngemäß: Wenn du dich nur zurückziehst, erreichst du nichts, und wenn du zu offen und arglos bist, erreichst du auch nichts. Das stand irgendwo bei den alten Griechen.

Angeblich war für Aristoteles Freundschaft für die Gesellschaft noch wichtiger als Gerechtigkeit. Er wünschte sich Freundschaft, so heißt es, als gesellschaftliche Gewohnheit – durch wiederholtes Handeln. Da kommt der Gedanke auf unser Ehrenamt, das gerade in der Diskussion ist. Haben Freundschaft und Ehrenamt etwas gemeinsam?

Schami: Eher nicht. Das Ehrenamt setzt natürlich eine menschenfreundliche Haltung voraus, aber es ist doch immer auch eine Einbahnstraße. Doch eine Freundschaft funktioniert nicht als Einbahnstraße.

Leeb: Beim Ehrenamt ist es ja so, dass man sich mehr mit einer Gruppe von Menschen befasst, auch nicht unbedingt auf Augenhöhe, was bei der Freundschaft schon sein muss. Ehrenamt geht irgendwie von oben nach unten… Ein Freund ist aber doch ein eindeutiges Gegenüber, Freundschaft hat ja dieses Bipolare – man kann zwar einseitig verliebt sein, oder lieben, aber nicht einseitig Freund sein!

Der Untertitel Ihres Buches nennt die Freundschaft „Die weise Schwester der Liebe“. Hätte Luther den zentralen und weisen Satz im Neuen Testament dann nicht besser übersetzt mit „Sei deines Nächsten Freund, wie dir selbst“?

Schami: Eine schöne Frage! Doch wie wir wissen ist erst mit dem christlichen Glauben die Liebe in den Mittelpunkt gerückt – an Stelle der Freundschaft! Auch der Satz „Liebe deine Feinde“, das war unmöglich bis dahin! Die Feinde lieben, wo gab’s denn so was? Die Freundschaft ist im Christentum in den Hintergrund getreten, doch es gibt natürlich auch nichtchristliche Kulturen, bei denen die Freundschaft nicht an erster Stelle steht. Da ist es dann oft die Familie oder die Sippe, wenn du deren Ansprüche erfüllt hast, kannst du dich befreunden, mit wem du willst. Liebe und Opferbereitschaft waren für das Christentum immer viel wichtiger, als eine persönliche Beziehung zu haben.

Dann stimmt also die Luther-Übersetzung „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst?“

Schami: Insofern stimmt Luthers Übersetzung absolut! Doch es wurde in der Auslegung schon auch reflektiert auf die Freundschaft, besonders in Kriegszeiten, wenn „der wahre Freund sich für seine Kameraden opfert“ – das empfand ich schon immer als eine zweifelhafte Formulierung.

Gibt es also so etwas wie den falsch verstandenen Begriff von Freundschaft?

Schami: Ja natürlich! Da geht es eigentlich um Missbrauch eines Begriffs und seines Inhalts! Der Freund ist jemand, der mit mir ehrlich ist, der zuverlässig und verlässlich ist, aber opfern muss er sich nicht für mich.

Ist Freundschaft so etwas wie eine spirituelle Kraft, die alles zusammenhält? Entsteht sie aus uns heraus, oder hat da noch jemand drittes die Hand im Spiel?

Leeb: Ich glaube beides ist möglich. Das interpretieren die Freunde untereinander am besten selber – je nachdem „das ist nur etwas zwischen uns beiden“ oder auch „bei uns gibt es eine dritte Dimension“. Wichtiger als diese Interpretation ist, glaube ich, die Möglichkeit eines gemeinsamen Weges. Doch da sind die Zeiten schwer geworden für Freundschaften! Die große Mobilität, die wechselnden Berufswege, überhaupt die zunehmenden Belastungen. Man muss ja viel Zeit und Energie investieren um eine Freundschaft aufrechtzuerhalten.

Was wäre das passendste und schönste Symbol für Freundschaft? Haben Sie vielleicht ein ganz persönliches?

Leeb: So Symbol-affin bin ich nicht, aber ich sage jetzt mal: Es ist die Zeit, die ich für jemanden habe, oder die jemand für mich aufbringt. Das ist Symbol und Indiz zugleich, daran sehe ich, mit wem ich befreundet bin.

Schami: Für mich gibt es schon ein Symbol, aber leider Gottes wurde und wird es missbraucht. Als schönstes grafisches Symbol für Freundschaft sehe ich die zwei Hände, die sich kräftig begrüßen. Das ist der innigste Begriff für Freundschaft, der so viel heißt wie: „Ich stärke dich, und ich stärke mich durch dich!“ Aber dieses starke Symbol war leider auch auf den US-Carepaketen nach Vietnam zu sehen! Das ist für mich Missbrauch! Und auch ein Symbol dafür, wie einer den anderen über den Tisch zieht. So wie die Kommunisten es mit dem Wort „Druschba“ bei allen passenden Gelegenheiten praktizierten. Mein Name „Rafik“ bedeutet im Arabischen „Freund,“ und auch „Der Friedfertige, der dich immer versteht,“ aber das Wort Rafik wurde von den Kommunisten als „Genosse“ gebraucht und missbraucht, dass Mörder wie Stalin Genosse genannt wurden, und deshalb sage ich: Die Freundschaft kann nichts dafür, dass sie missbraucht wird.

Sie halten also einfach zu diesem Wort und lassen es sich nicht verderben?

Schami: Nein! Die Freundschaft als Idee wird immer ihre Bedeutung behalten, als Wort ist sie aber auch so etwas wie der Honig für die Wespen! Schon immer haben sich die Populisten der ganzen Welt drauf gestürzt, weil sie damit ihre Propaganda und Ideologie schneller und effektiver verbreiten konnten. Doch die Freundschaft wird das alles überleben.

Interview: Klaus Bovers

Artikel 6 von 6