High Noon an Heiligabend

von Redaktion

Wasserburger Theatertage Sensemble Augsburg überzeugt mit Kehlmann-Stück

Wasserburg – Die Uhr tickt nicht, sie blinkt. Auf den schiefen Boden ist die Digitaluhr projiziert, die die Sekunden, Minuten und Stunden zählt, die es an einem Heiligabend dauert, bis die Bombe explodiert – oder bis der verhörende Kriminalbeamte herausbekommen hat, wo sie sich befindet; High Noon an Heiligabend. Daniel Kehlmann hat dieses spannende Kammerspiel mit dem Titel „Heilig Abend“ geschrieben, mit dem das „Sensemble Augsburg“ bei den Wasserburger Theatertagen gastierte.

Mit „Ein Stück für zwei Schauspieler und eine Uhr“ hat Kehlmann sein Theaterstück untertitelt – und mehr braucht auch der Regisseur und Theaterleiter Sebastian Seidel auch nicht. Zwei Schemel, die bald umeinanderfliegen, stehen auf der kleinen schiefen Ebene, auf der die beiden Schauspieler balancieren, ein mickriges Christbäumchen und ein Telefon – merkwürdigerweise ein uraltes mit Wählscheibe!

Auf dieser schiefen Ebene, die keinen Halt gibt, weder körperlich noch seelisch, belauern sich die beiden Protagonisten: Sie ist eine Professorin für Philosophie, er ein gewiefter und psychologisch geschulter Verhörbeamter. Er hat sie aus dem Taxi holen lassen, das sie zur Weihnachtsfeier bei ihren Eltern bringen sollte, er hat sich extrem gut vorbereitet, so gut, dass er aus ihrem Buch über die Revolutionstheorien des Frantz Fanon zitieren und mit ihr philosophieren kann: etwas merkwürdig, wenn die Zeit drängt. Er scheint alles von ihr zu wissen, selbst intimste Ehe-Geheimnisse mit ihrem Ex-Mann. Dann geht es darum, wer wen belastet: Sie sich oder ihren Ex-Mann.

Sarah Hieber ist zu Beginn die blonde, kühl-gefasste und schick gestylte Professorin, die verachtungsvoll-kalt antwortet. Doch irgendwann löst sich die gut gelegte Frisur, der Lippenstift verwischt, die Sicherheit bröckelt. Erbarmungslos logisch ist zu Anfang ihre Diktion, später verzweifelt-empört, dann geht sie argumentativ zum Gegenangriff über: Der Westen sei schuld daran, wenn so viele aus ihrem Heimatland fliehen.

Johannes Haag ist der Vernehmungsbeamte: Seine Waffe ist das Klemmbrett, vor allem aber seine Stimme, die ständig von lauernder Freundlichkeit zu schneidender Schärfe und dann zu Brüll-Attacken wechselt. Schließlich bedrängt er sie körperlich, der Kaffee, den er verschüttet, ist wie dunkelrotes Blut, ihre weiße Bluse ist am Ende blutverschmiert: Er ist erschreckend gefährlich: „Was wir brauchen, ist nicht Gerechtigkeit. Das ist was für die Engel im Himmel. Was wir brauchen, ist eine Geschichte!“, bellt er sie an.

Die liefert sie ihm dann: Sie gesteht. Ja, sie habe eine Bombe gebaut. Aber so vage, dass keiner weiß, ob das stimmt. Schließlich kommt genau um 24 Uhr der Blackout: Der Vorhang zu und alle Fragen offen.

Die relativ wenigen Zuhörer ertrugen die zehrende Spannung nur schwer, manche retteten sich ins Lachen, am Schluss entlud sich die Spannung in freundlichen Beifall.

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