Flintsbach – Das Volkstheater Flintsbach, immerhin zweitältestes deutsches Volkstheater, wandert seit mehreren Jahren schon durch die Theatergeschichte und adaptiert berühmte Stücke für die bairische Zunge. Heuer ist es „Volpone“, zu Deutsch: „Der Fuchs“, von dem Shakespeare-Zeitgenossen Ben Jonson. Was der Engländer Jonson im Venedig des 17. Jahrhunderts spielen lässt, lässt Regisseur Peter Astner, unterstützt von der Theaterwissenschaftlerin Dr. Friederike Euler, in München um 1835 spielen. Das Stück heißt jetzt „Herr von Fuchs und sein Diener Zeck“.
Es ist ein rasendes Karussell menschlicher Niedertracht, Geldgier und Bosheit, das in einer turbulenten Gerichtsszene gipfelt, eine „lieblose Komödie“, wie Stefan Zweig sie tituliert, und ein Reservoir für köstlich-komödiantische Figuren. Hier in Flintsbach ist es ein – wenn man so sagen darf – literarisches Volkstheater.
Der schwerreiche Herr von Fuchs stellt sich todkrank, um Reiche anzulocken, die auf sein Erbe gierig sind und ihm deswegen vorher schon Geschenke machen, ihn als Erben einsetzen in der Hoffnung, dass er rechtzeitig vorher stirbt, oder ihm sogar die eigene Tochter ins Bett legen. Eingefädelt wird alles vom Diener Zeck, der aber auch fleißig seine Taschen füllt: Alle gieren immer nach Geld.
Wie immer in Flintsbach sind die Kulissen aufs Liebevollste und Genaueste gemalt (Bernhard Obermair, Simon Obermair), ob die Landeshauptstadt München, Fuchs‘ Salon oder der gewölbte Gerichtsvorsaal, sie heben und senken sich mit zuverlässiger Genauigkeit.
Das Spiel entwickelt sich relativ schnell, die Regisseure Peter Astner und Martin Obermair sorgen für zügigen Spielfluss. Gebremst wird dieser nur von der ausführlichen Suada des Professors Prenzlauer, der, wie der Text behauptet, aus Berlin stammt, aber überhaupt nicht berlinerisch schnellspricht: Günther Westenhuber redet eifrig schriftdeutsch, nicht maschinengewehrfeuernd „preußisch“. Doch genauso, wie es für einen Preußen unmöglich ist, bairisch zu reden, ist es für einen Bayern, preußisch zu sprechen. Das gilt auch für die Professorengattin (Lisa Obermair) und den Herrn von Bodewitz (Seppl Huber).
Andreas Bauer als Herr von Fuchs mimt herzzerbrechend den Kranken, ist als Gesunder von einer fast zu sympathischen Bonhomie. Als Zeck wuselt Felix Sieraczewski wieselflink und zeckenanhaftend über die Bühne und spinnt genüsslich die Intrigenfäden zu am Ende fast unauflöslichen Konfliktknäueln, die von gleich vier Richtern entknotet werden müssen (Toni Obermair, Dieter Hoffmann, Thomas Stocker, Georg Feicht: Sie dürften ihre Texte noch pausenloser ineinandergreifen lassen).
Die Namen der Erbschleicher sind ebenso sprechend: Als Kommerzienratswitwe Rabe, die für das erwartete Erbe die Unschuld ihres eigenen Töchterleins opfern würde, agiert Michaela Goldes mit raumgreifend-keifender Stimme und kraftvoller Präsenz, als Herr von Krah, der sogar seinen einzigen Sohn enterben würde, zittert und krächzt sich Anton Deininger schwerhörig durchs Geschehen und produziert viele Spontanlacher der Zuhörer, weil er immer alles falsch versteht: Beides sind prägnant gezeichnete Charakterfiguren. Der Advokat Dr. Geier darf vor allem in der ulkig-verdrehten langen Gerichtsszene aufdrehen, die an das unvergessene „Königlich bayerische Amtsgericht“ von Georg Lohmeier anklingt: Bernhard Obermair nutzt dies mit ingrimmiger Bosheit, wendiger Schläue und einem guten Sinn für dramatische Zuspitzung. Er bekommt mit Recht Zwischenapplaus dafür.
Das Liebespaar spielt in dieser Geldgier-Komödie nur eine liebenswerte Nebenrolle (Dominik Holten und Franziska Achrainer). Nicht vergessen darf man die Musik der Flintsbacher Musikanten, für die Martin Obermair senior eine „mitsprechende“ Bühnenmusik mit vielen Zitaten eingerichtet hat, von der „Amtsgerichtspolka“ bis zum Volkslied „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“.
Und überhaupt nicht vergessen darf man das Kasperlpaar Lari und Fari (Wolfgang Obermair und Melanie Bartl): Die beiden führen in die Geschichte und die Schauplätze ein, kommentieren alles und überbrücken die Umbaupausen. Flink, wendig und herzig singen, turnen und spielen sie alles pantomimisch nach bis zu einem zauberhaften Gewölbebau mit einem weiß-blau-en Schlussstein: Mit clownesker Tanzfreude und poetischem Zauber heben sie das Volksschauspiel ins Literarische: Chapeau! Wir ziehen den Hut.