Halfing – Um zu beschreiben, was man erlebt und fühlt, bedarf es der Findung differenzierter Wörter, Sprachgebrauch also. Oder aber man gebraucht die „Sprache vor der Sprache“ – Körpersprache, die Mittel der Musik, des Tanzes oder der bildenden Kunst. Diese oder ähnliche Assoziationen gingen wohl den gespannt lauschenden Zuhörern durch den Sinn, die beim Immling-Festival einem bisher ungewohnten Klang- und Visionsspektakel beiwohnten: „Cloud Music – A Story about Tone & Transcendence“ – in deutscher Übersetzung könnte das etwa „Wolken Musik – eine Geschichte von Klang und Übersteigerung“ heißen.
Kurator dieses künstlerischen Novums an dem Ort, an dem sonst eher Opern daheim sind, ist David Goldberg, Sohn des Festival-Intendanten Ludwig Baumann. Mit diesem neuen Format, das visuelle Kunst mit Tanz-Performance und Musik verknüpft, möchte Goldberg in Immling neue Pfade beschreiten, in seiner Kunst weiter voranzuschreiten und dabei – das erschien ganz wesentlich – sein Publikum überraschen und auf spannende neue Gefühls- und Erfahrungsereignisse schicken.
Die Bühne als Projektionsfläche
Im Festspielhaus war es fast dunkel, nur eine minimale Beleuchtung war auf die Musiker gerichtet, die im Halbkreis vor der großen Bühne zu sehen waren. Keine Farben, die Bühne in ihrer Nacktheit wirkte als pure schwarz-weiße Projektionsfläche für die Video-Projektion von Anna Zozulya, die im direkten Einklang mit der Musik entstanden – frisch aus der Stimmung des Moments gestaltet.
Zu erleben waren zwei Werke aus dem Genre der Minimal Music, einem Ableger der Neuen Musik, der in den 60er-Jahren in den USA entstand: Im ersten Teil „Shaker Loops“ von John Adams und im zweiten Konzertteil „In C“ von Terry Riley. Die Georgian Sinfonietta und Solo-Instrumentalisten agierten vom ersten Moment an in engstem Austausch: Vollste Wachheit, intensive Zugewandtheit in hoch sensibler Interaktion, fast so, als befänden sie sich gemeinsam in einer Seifenblase, die veränderlich im Raum schwebt und in Tempo, Form und Größe variiert. Die sichtbaren Licht- und Schatten-Strukturen, die hinter den Musikern per Visual-Art-Performance sichtbar waren, schienen ihren Motor in dieser Musik verwurzelt zu haben, ihrer Stimmung unterworfen. Sie erinnerten in ihrem Charakter an Naturereignisse: Wasser, Wellen, Feuer, von Wind bewegt, mal sehr grell, dann dunkel, in lamellenartig oder netzartiger Strukturierung. Wer sich darauf einließ, schaute und hörte, geriet in einen meditativ-hypnotischen Sog. „In C“ hat nur eine Seite Notation, trotzdem kann es zwischen 30 Minuten und drei Tagen dauern, denn die Musiker agieren im spontanen, improvisierten aber trotzdem geregelten Miteinander.
Zur Visualisierung kam ein weiterer künstlerischer Aspekt, nämlich der Tanz hinzu. Die Performance der beiden Tänzerinnen Magdalena Forster und Wanda Petri hatte etwas Ursprüngliches. Die Bewegungs-Choreografie tat auf ihre Weise, also mit den Mitteln des Tanzes genau das, was die Visual-Art tat: Sie gab sich den Strömungen, dem Fluss der Klänge hin.
Allerdings wirkte die Choreografie aus dem Bereich des Contemporary Dance zu Rileys Musik deutlich „angepasster“, so als wollte sie in Mustern der Musik zu ergänzendem oder gar bekräftigendem Ausdruck verhelfen.
Es entstand ein Gesamtkunstwerk: Veränderlich in Form und Ausdruck, spannend, expressiv und anziehend wie alles Unbekannte – und letztlich inspirativ und bewusstseinserweiternd, so man sich darauf einließ. In Immling wirkte diese neue Droge offenbar bestens und wurde am Ende mit kräftigem und langanhaltendem Beifall belohnt.