Die Geschwister Johanna und Simon besuchen die Realschule in Wasserburg. Sie wohnen im Weiler Roßhart, der im Süden der Gemeinde Edling an einem sanft ansteigenden Abhang liegt, an einem der vielen Moränenhügel, die als Relikte der gewaltigen Wirkung des eiszeitlichen Inngletschers für das Wasserburger Land so typisch sind.
Der Sechstklässler Simon hatte neulich bei einem Unterrichtsprojekt einen Riesenerfolg, als er in der Schule die unterschiedlichsten Tiere in Roßhart und Umgebung auf seinem Laptop präsentierte; er hatte diese Tag und Nacht per Kamera – visuell also – eingefangen. Seine Schwester Johanna hat ihn daraufhin zu einem weiteren Projekt überredet:
Die Erklärung der Ortsnamen von Roßhart und Umgebung. Die Achtklässlerin begründet beim Nachmitttags-Kaffeetrinken mit Freunden und Nachbarn ihren Vorschlag folgendermaßen:
„In der Grundschui hamma zum letztn Moi ebbas vo de Naam vo unserer direktn Hoamad glernt. Edling is 933 ois Etillingun belegt. Aber vo Roßhart hamma nix ghört ghabt“. „Und an der Realschui hamma die Bundesländer glernd. Aber nix iwa Roßhart“, ergänzt Simon.
So wird zuerst der Wikipedia-Artikel zu Roßhart gewürdigt. Die Angaben zu den örtlichen Vereinen und Festivitäten sowie zur Einwohnerzahl von 140 Personen werden von allen Nachmittags-Kaffeetrinkern bejaht, ebenso wie die Bemerkung, wonach Roßhart eigentlich zweigeteilt sei in: „Unt am Berg“ und „Ohm am Berg“.
„Aber a Namenserklärung vo Roßhart steht im ganzn Internet ned“, bedauert die Diskussionsleiterin Johanna. „Wos moants na ees?“
Der Tobias erklärt zunächst das Wort „Hart“ im Ortsnamen. „Roßhart is koa Personennam ned, so wia Bernhard oder Gerhart. ‚Hart‘ bedeidd in Roßhart ‚Weideland im Woid‘ oder glei nur ‚Woid‘. So wia bei Reischenhart oder beim Hartsee“.
„Und dees Roß im Nam“, erklärt Gast und Nachbar Andreas Steinbeiß, „hod woi min Schloß Hart wos zum doa. Wahrscheinli hamm de Adligen eahnane Roß oder Rösser z Roßhart unddagschdejd“. Die Erklärung mit den Herrschaften des nahe gelegenen Schlosses Hart und ihren Pferden findet großen Beifall, nur die Maria ist etwas skeptisch. „Ees sogds ja ned ‚Rooshart‘, sondern ‚Rosshart‘. D Roß spricht ma aber mid aam langa o. Ees machts dageng a kurz o in Roßhart!“
Der Ludwig will noch wissen, ob auch „Roushart“ gesagt wird. Da dies verneint wird, kommt ein Wald voller Rosen schon gar nicht in Betracht. Aber was tun? Johanna beauftragt Simon, beim Stadtarchiv zu Wasserburg nachzufragen.
Ein paar Tage später gibt Simon seine Recherche gleich per Mail bekannt:
„In einem unveröffentlichten Manuskript des ehemaligen Achivars Josef Kirmayer steht: ‚1137 Roshart‘, ‚1582, 1732, 1820‘ jeweils: ‚Rosshart‘. Kirmayer deutet ‚Hart‘ als ‚Trift‘ oder ‚Bergwald‘. ‚Ros‘ und ‚Ross‘ leitet er von mittelhochdeutsch ‚Rozze‘ her, womit der Vorgang des Flachs- oder Hanfröstens gemeint ist“. „Iatz glaawi s awa“, entfährt es der Johanna. „Fortsetzung foigd!“Armin Höfer