Aschau – Kontinuität heißt, an Überzeugungen selbstbewusst festzuhalten. Das heißt nicht, Konventionen zu zementieren. Auch Werte und Haltungen müssen stets überprüft, befragt und weiterentwickelt werden. Bei Festivo, dem Kammermusik-Festival in Aschau, geschieht genau das. Hier werden Grundsätze gelebt, um zugleich stets neue Wege der Vermittlung zu erproben.
Festivo war und ist ein Ort der Begegnung, wo sich Musikfreunde zusammenfinden, um sich allein auf die Musik zu konzentrieren – im schönsten Ambiente der Chiemgauer Alpen. Ebendies markiert eine Kontinuität, für die Festivo-Leiter Johannes Erkes als Musiker steht. In diesem Sinn ist sich die Reihe seit der Gründung vor 27 Jahren treu geblieben. Diese Werte und Haltungen werden heuer gleich zu Beginn besonders deutlich unterstrichen – mit einem Gastspiel von Gidon Kremer.
Don Giovanni als „Taschenbuch-Oper“
Es ist das erste Mal, dass der „Jahrhundert-Geiger“ bei Festivo spielt. Kremer steht für Ideale, die Erkes und sein Festivo maßgeblich geprägt haben. Tatsächlich hatte Kremer stets den Anspruch, neue Wege zu gehen – im Programm und der Interpretation. Auch deswegen hatte Kremer 1981 in Österreich das Kammermusik-Festival in Lockenhaus gegründet. Diese Reihe war 1995 die zentrale Motivation für Erkes, sein eigenes Kammer-Festival in Aschau zu begründen: Festivo.
Das Festival ist das bayerische Lockenhaus. Um Gesellschaftsklimbim und eitle Selbstdarstellung geht es hier nicht, sondern einzig um die Musik. Diese Ideale werden hochgehalten, wenn Kremer am Donnerstag, 25. Juli, mit seiner Kremerata Baltica das diesjährige Festivo eröffnet. Mit Arvo Pärt, Georgs Pelecis und Mieczysław Weinberg kommen überdies Komponisten zu Gehör, für die sich Kremer frühzeitig stark gemacht hat.
So ist es das große Verdienst von Kremer, dass die Musik des unter Hitler und Stalin verfolgten polnischen Juden Weinberg in den vergangenen zehn Jahren eine Renaissance erlebt hat. Im Dezember begeht die Musikwelt den 100. Geburtstag von Weinberg. Bei Festivo wird vorgefeiert. Zugleich hat Kremer das Schaffen des in der Sowjetunion misstrauisch beäugten Pärt im Westen bekannt gemacht.
Auch sonst werden vom 25. Juli bis zum 18. August die zentralen Festivo-Ideale hochgehalten, um sie weiterzuentwickeln. Da ist die Pflege der historischen Aufführungspraxis: Heuer werden erstmals die Jungtalente der Festivo Festival Strings in den Originalklang eingeführt (11. August). Unter Konzertmeister Gordan Nikolic realisiert der Nachwuchs ein aufregendes Barock- und Frühklassik-Programm.
Darunter befinden sich Bachs Violinkonzert BWV 1042, das Bratschenkonzert von Telemann sowie das Cellokonzert Nr. 7 von Luigi Boccherini. Im Foyer von Schattdecor in Thansau bei Rohrdorf erklingt das gewichtige und viel zu selten aufgeführte Beethoven-Septett für Streicher und Bläser (27. Juli).
Auch die kultige „Oper in Taschenbuch-Format“ ist wieder dabei. Diesmal wird Mozarts „Don Giovanni“ auf ein geschärftes Kammer-Profil reduziert (3. August). In der Titelpartie glänzt Bariton Thomas Schütz, ein Spitzensänger aus dem Chiemgau.
Beim großen Festivo-Finale präsentieren sich hingegen der Geiger Benjamin Schmid und Dejan Lazic am Klavier. Gemeinsam mit Johannes Erkes sowie Zen Hu (Violine) und Enrico Bronsi (Cello) geben sie die Klavierquartette von Mozart zum Besten (18. August). Dieses Programm wird anschließend für das CD-Label Onyx in der Festhalle Hohenaschau eingespielt.
Und die sechs frühen Streichquartette op. 18 von Beethoven, die im schmucken Preysingsaal von Schloss Hohenaschau aufgeführt werden – an zwei Abenden (31. Juli und 2. August)? Sie könnten der Auftakt für einen Beethoven-Gesamtzyklus sein. Neben Erkes sind Muriel Cantoreggi und Teemu Kupianen (Violinen) sowie Floris Minders am Cello zu erleben. Es bleibt also spannend bei Festivo.