Schwertstiche und Strahlenkranz

von Redaktion

Die Herrenchiemsee-Festspiele beginnen auf Frauenchiemsee mit Vivaldi

Chiemsee – Es war fast wie immer bei den Herrenchiemsee-Festspielen: Man fährt mit dem Schiff über den See, wird begrüßt und geleitet von livrierten Dienern, und alles beginnt im Münster von Frauenchiemsee, es musizierten das Orchester und der Kammerchor der Klangverwaltung. Aber nicht, wie sonst, mit Bach, sondern mit Vivaldi. Und natürlich nicht mit dem charismatischen Begründer der Festspiele, Enoch zu Guttenberg, der vor einem Jahr kurz vor Beginn der Festspiele unerwartet gestorben war. Er fehlt.

Es dirigierte Fabio Biondi. Er gehört zu den führenden Spezialisten für barocke Musik, hat bei fast allen maßgebenden Ensembles der Alten Musik mitgespielt und 1990 mit „Europa galante“ sein eigenes Orchester gegründet. Rasanz und gute Laune zählen zu seinen Markenzeichen. Das praktizierte er auch hier, animierte die Musiker der Klangverwaltung zum überfallartig-attackierenden Spiel, indem er selber gleichzeitig spielte und dirigierte. Auch im Violinkonzert D-Dur RV 222, das er mit blitzender Schärfe, kraftvollem Temperament und Hochdruck auch im langsamen Satz mit den vielen virtuosen Spieltechniken bot. Die Klangverwaltung antwortete mit befeuernder rhythmischer Präzision.

Dieses Violinkonzert stand zwischen zwei geistlichen Werken. Das „Stabat mater“, in dem Vivaldi nur die Hälfte des Textes vertont hat, ist für Alt und Streicher komponiert. Olivia Vermeulen sang ausdrucksstark, ganz der Trauer der Gottesmutter hingegeben, sich nicht scheuend vor offener Vokalgestaltung in der Tiefe, in fließend-langgezogenem Legato und dynamisch sehr variabel. Das insgesamt zu laute Orchester wurde textgemäß heftig, als es mit gezackter Punktierung die Schwertstiche lautmalte, die Marias Herz durchbohren, dafür liebevoll umarmend, wenn der Text bittet, dass das Herz vor Liebe brennen möge, was wie ein musikalischer Strahlenkranz wirkte.

Im „vor Kraft und Lebenslust strotzenden“ (so das Programmheft) „Gloria“ war dann der 17-köpfige Chor der Klangverwaltung dran, der tadellos professionell mit ziemlich hellem Gesamtklang sang. Ein paar Choristen mehr und ein paar Instrumentalisten weniger hätten diesem Chorstück zu mehr Wirkung verholfen. Fabio Biondo suchte in diesem eh schon effektstrotzenden Chorwerk noch immer mehr dynamische Effekte: Echos, viele Crescendi und Decrescendi, urplötzliche Piani und affektvolle Wortbetonungen. Den stark punktierten „Domine-Fili“-Chorsatz nahm Biondo so rasend schnell, dass aus der Verehrung für die Majestät Gottes eine Hetzerei wurde.

Dafür hatte Roberta Invernizzi das verlangte gläubige Jauchzen und Jubeln in ihrem kirchenfüllend-trompetengleichen und doch so beweglich-schmiegsamen Sopran, duettierte sich aufs Lieblichste mit dem herausragenden Oboisten und machte klar, dass Vivaldis „Gloria“ nicht „lebensstrotzend“, sondern vor allem glaubensjubelnd ist.

Als Zugabe für den langanhaltenden Applaus des die Kirche füllenden Publikums wählte Fabio Biondi ausgerechnet das hetzende „Domine Fili“…

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