Chiemsee – Musik, die nicht schöner als die Stille ist, sei nicht wert gehört zu werden, sagte einmal dem Sinne nach der Komponist Henri Dutilleux. Bei den Festspielen im Spiegelsaal des Schlosses Herrenchiemsee erlebte das heftig applaudierende Publikum ein Konzert, dessen Programm nicht nur Musik bot, welche die Stille toppte. Es genoss auch frisch zupackende junge Instrumentalisten, die hoch motiviert und spielfreudig die offensiven Tempi ihres Dirigenten aufnahmen, ohne zu forcieren oder Details zu vernachlässigen.
Clemens Schuldt lotste seine Musiker mit Schwung, Verve und sensibel sicherer Hand durch die bei aller Unterhaltsamkeit anspruchsvollen Werke. „Wandel der Epochen“ erwies sich nicht als unverbindlich vages Motto, sondern als ein raffiniert gestaltetes Konzept: Unterschiedlicher, ja gegensätzlicher hätten die Komponisten nicht sein können – Rameau gegen Dutilleux und Wagner kontra Haydn! Aber wie bei einer gut kuratierten Bilderausstellung ermöglichte die Konfrontation heterogener Stile überraschende Einsichten, scheinbar Vertrautes erschien in neuem Licht.
Der eingangs schon zitierte Henri Dutilleux, vor wenigen Jahren hochbetagt verstorben, war mit „Mystère de’l Instant“ repräsentativ vertreten. Dutilleux‘ Musik, weder hermetisch verrätselt, noch postmodern sich anbiedernd, besitzt sicher größte Überlebenschancen. Auch das „Geheimnis des Augenblicks“ rührt mit Klangsinnlichkeit und intuitiv erfühlter formaler Logik an den grundlegenden Geheimnissen unseres Menschseins. Der Impuls zu diesem Werk, ein nächtlich auftauchender riesiger Vogelschwarm mit seinem Gekreisch, oder wie Dutilleux formuliert, „mit bewundernswert unorganischen Klängen“, ist nur noch an den in hoher Lage mehrfach geteilt spielenden Violinen zu erahnen.
Natürlich spielt der Komponist auch mit unbestimmten Tonhöhen, grummelnden Tontrauben oder Glissandi. Diese Mittel werden jedoch nicht zu bloßen „modernen“ Effekten, sie sind kein Selbstzweck. Das Publikum folgte dieser Musik in atemloser Stille und quittierte die Darbietung mit demonstrativem Beifall.
Zu Beginn erklang Barockes aus Frankreich. Hat man nicht unwillkürlich das Vorurteil, Jean-Philippe Rameau biete allenfalls höfisch gepflegte Unterhaltung? Wir assoziieren Allonge-Perücken und glauben, Ludwig XIV. gähnen zu sehen! Clemens Schuldt stürzte sich mit Lust und Laune in das Toben der „rauen Nordwinde“.
Die Orchestersuite wurde aus der Oper „Les Boréades“ vom Dirigenten zusammengestellt. Ein turbulenter Bilderbogen, farbig, bunt, prall und rhythmisch rasant! Die Holzbläser und Hörner hatten Halsbrecherisches zu meistern. Der abschließende „Contredanse très vive“ steigerte sich gar zu stampfender Raserei.
Hätte Cosima geduldet, dass des Meisters „Siegfried-Idyll“ in solchem Umfeld aufgeführt würde? Clemens Schuldt jedenfalls ging dieses Kult-Stück ganz entspannt an und interpretierte das Werk ohne wabernde Feierlichkeit. Man glaubte eher, Mahlersche Innigkeit heraus zu hören. Das Orchester kostete die feinen Übergänge und Modulationen genüsslich aus. Die Streicher kultivierten einen samtenen, schlanken Klang. Wagner ohne Pomp und Pathos.
Von wegen
verzopft
„Papa“ Haydns Symphonien werden gemeinhin als Einspielstücke an den Anfang gesetzt. Hier kam „Der Bär“ (Symphonie Nr. 82) als ein krönender Abschluss. Auch wenn dem Komponisten noch der Zopf an der Perücke baumelte – Haydn war experimentierfreudig, innovativ und der Schalk saß ihm im Nacken! Diese Vorgaben ließen Orchester und Dirigent nicht ungenutzt. „…mit souveräner Hand hält der Komponist alles im Gleichgewicht“ schreibt das löbliche Programmheft. Das Gleiche gilt auch für Clemens Schuldt und sein exzellentes Münchener Kammerorchester!