Morgendliches Sternstunden-Geschenk

von Redaktion

Kit Armstrong zu Gast beim Atelierkonzert in Hafendorf

Söchtenau – Mit sanftem, beinahe scheuem Lächeln betrat Kit Armstrong die Bühne im Atelier von Antje Tesche-Mentzen in Hafendorf, und zog dennoch schon mit seinem ersten Tastenanschlag die 150 Gäste sofort in seinen Bann.

Armstrong am Flügel, eingerahmt von Kunstwerken aus Holz und Bronze sowie Ölbildern, bildete den Mittelpunkt und Fixstern. Das kontrastreiche Konzertprogramm, das Armstrong wohlfein ausformuliert selbst anmoderierte, ließ schon erahnen, dass diese Matinee nicht nur ein Klavierkonzert werden würde, sondern ein Konzert, in dem sich Armstrong von seiner äußeren kreativen Umgebung inspirieren lassen und in dem er sein ganzes Können auf den schwarz-weißen Tasten zum Ausdruck bringen würde. Und dem war auch so, fantastische Bilder wurden im Kopf allein durch den puren Klang lebendig. Bei Jean-Philipp Rameaus „Pieces de clavecin“ (Cembalostücke) wähnte man sich mit „La poule“ (Das Huhn) im Hühnerstall: Da erklang wildes Gegacker, da konnte man die Hühner scharren hören. Vorgeschmack auf den Impressionismus gab es mit „Les tendres plaintes“ („Zärtliches Klagen“) und „Les sauvages“ („Die Wilden“). Formvollendete Fortsetzung dann mit Claude Debussys „Livre I, Images“: Die tonmalerische Darstellung des Wassers, der Lichtreflexionen auf dem Wasser, hochpeitschender Wellenbewegungen, atemloser Stille und Ergriffenheit, das war Poesie, das war verzaubernde Klangmalerei.

Armstrongs Eigenkomposition „Etudes de dessin“ war eine Hommage an Bach, zugleich aber auch ein Wettbewerbswerk: „Damit meine Konkurrenz später auch noch zu leiden hat.“ Schwer vorstellbar, dass andere Klaviervirtuosen die Schattierungen und Verläufe der Melodien derart gekonnt nachspielen können. Rued Langgaards „Insektarium“ war eine Insektensammlung: Neun Insekten krabbelten, schwebten, summten und brummten da durch den Raum, das war Tongewalt und -zartheit zugleich. Mit Franz Liszt endete die Matinee. „Wer den Hardrock nicht versteht, wird auch zu diesem Spätwerk keinen Zugang finden“, so Armstrong. Mit einer unerhört dynamischen Skala vom bombastischen Fortissimo (dem Hardrock nicht unähnlich) bis hin zum gehauchten Pianissimo, mit feinstem Gespür für melodische Linien und Harmonien zeichnete Armstrong hier „Historische ungarische Bildnisse“. Der Konzertflügel mit seinem enormen Spielraum war Armstrongs Zeichenstift. Unzählige Schattierungen von piano bis forte fortissimo entstanden da. Grazil und brillant, beinahe beiläufig führte Armstrong jede Verzierung und jeden Triller aus, das Pedal setzte er wohlgekonnt ein.

Kein Wunder, dass Armstrong, einst von seinem Mentor Alfred Brendel als Wunderkind bezeichnet, als Genie gilt, wenngleich er mit 26 mittlerweile erwachsen ist. Seine Haltung am Flügel, nach innen gerichtet, beinahe demutsvoll der Musik nachlauschend oder – bei Bedarf – aufbegehrend, selbst das passte zur Brendelschen Adelung. Ein kontrastreiches Programm, das Armstrong sichtlich Spaß machte und das mit einer Zugabe von Liszt endete. Ein Geschenk an musikalischen Bildern für die Zuhörer der Matinee im Atelier, eine wahrhafte Sternstunde.

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