Swingende Klangwelten in sakraler Atmosphäre

von Redaktion

Der jazzende Vibrafonist Tim Collins beeindruckt in der St.-Jakobus-Kirche in Urschalling

Prien – Das zweite Konzert an besonderen Orten unter dem Label „Jazz Collection“ fand mit einem außergewöhnlichen Instrument in einer außergewöhnlichen Kirche statt: Der in Boston geborene und seit neun Jahren in München lebende Jazz-Vibrafonist Tim Collins konzertierte mit einem vielseitigen Soloprogramm in der St.-Jakobus-Kirche in Urschalling.

Die Kirche ist berühmt durch ihre mittelalterlichen Fresken und gab dem Konzert einen atmosphärischen Rahmen, in den sich der glockenähnliche sphärische Klang des Vibrafons passend einfügte. Tim Collins agierte auf diesem Schlaginstrument, dessen Metallplatten wie eine Klaviertastatur angeordnet sind, virtuos mit vier Schlägeln (Mallets genannt), die ihm neben den melodischen Klangarabesken auch akkordisches Spiel ermöglichten.

Das Programm des Abends, von Collins in legerer Art sowie mit Witz und Anekdoten moderiert, bestand aus Jazzstandards unterschiedlicher Stilrichtungen und eigenen Kompositionen. Collins hatte sich die Stücke auf einem winzigen Parkschein notiert, legte jedoch die Reihenfolge völlig spontan während des Abends fest. So wirkte alles locker und improvisiert, war aber natürlich stets durchdacht.

So wählte Collins nach den einführenden Worten der Veranstalterin Barbara Freyberger als Eröffnungsnummer das aus New Orleans stammende „St. James Infirmary“, das mit seinem Titel dem Namen der Kirche entsprach. Er erweiterte das traditionelle Stück um eine Fülle an jazzigen Akkorden.

Überhaupt war deutlich herauszuhören, dass Tim Collins in der Tradition großer Jazzvibrafonisten steht, vom Urvater Lionel Hampton bis zu Milt Jackson und Bobby Hutcherson, den Meistern des Modern Jazz. Ohne Bass und Schlagzeug schuf er mit Jazzstandards wie „There’ll Never Be Another You“ oder „How About You“ swingende Klangwelten in sakraler Atmosphäre. Lou Donaldsons „Alligator Bogaloo“ verwandelte Collins vom souligen Blues in eine mystisch anmutende Ballade.

Auch Filmmusik war zu hören: „Pure Imagination“ aus dem 1970 in München gedrehten Klassiker „Charlie und die Schokoladenfabrik“ widmete er im Sechs-Achtel-Takt seinem derzeitigen Wohnort. Autobiographische Bezüge gab es zudem in den eigenen Stücken des Vibrafonisten. „Valcour“, seine erste Jazzkomposition, heißt beispielsweise eine Insel auf dem Lake Champlain im Bundesstaat New York, wo Collins einige Zeit seiner Kindheit verbracht hatte, und „Dear Old Friend“, ein melancholisches Kleinod mit vielen Klangschattierungen, schrieb er für einen verstorbenen Freund.

Die sommerliche Leichtigkeit drückte Collins mit zwei federnden Bossa Novas aus: einmal mit Antonio Carlos Jobims „How Insensitive“ und dann mit „Estate“ aus der Feder des italienischen Komponisten Bruno Martino, bevor er über Mollblues-Harmonien den musikalisch vielseitigen Abend offiziell beendete. Die Zugabe „Autumn In New York“ war ein jahreszeitlicher Vorausblick mit Swing und positiver Stimmung.

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