Wenig heldenhafte Helden

von Redaktion

Immling-Festival Puppenspiel „Am Anfang war das Wort“ begeistert die Zuschauer

Bad Endorf – Puppentheater ist nur etwas für Kinder? Weit gefehlt. Studenten der Staatlichen Kunstakademie Tiflis (Georgien) begeisterten beim Immling-Festival erneut die Erwachsenenwelt mit ihrer hohen Kunst des Puppenspiels. Diesmal ging es in der halbstündigen Inszenierung um mehr oder weniger bekannte Legenden und große Helden.

Jeder Handgriff, jeder Schritt muss exakt sitzen, um den Stab-Figuren Leben einzuhauchen. Jede Puppe wird von drei Puppenspielern geführt. Bis zu 20 Studenten agieren gleichzeitig, dicht gedrängt, hinter der Kulisse der Amadeus-Bühne in Bad Endorf. Von Kopf bis Fuß völlig in Schwarz gekleidet, mit Handschuhen und teilweise Kopftuch, verschmelzen sie förmlich mit dem dunklen Hintergrund.

Die Stars der Vorstellung sind klar die Puppen. Sie tanzen, lieben und leiden auf der Bühne. Ihre Bewegungsabläufe wirken enorm realistisch. Höchste Anerkennung verdient auch ihre Gestaltung und Bekleidung. Unzählige Stunden liebevoller Handarbeit sind dafür nötig – ausgeführt von den Studenten selbst. Jede Puppe hat Charakter.

Choreografie
der Puppenspieler

Schnell geht man als Zuschauer dazu über, alles um die kleinen, niedlichen Gestalten herum, völlig auszublenden. Dabei lohnt es durchaus, den Fokus ab und zu auch mal wieder auf die jungen Puppenspieler zu lenken. Stellenweise erinnern ihre fließenden Bewegungsabläufe an eine ausgefeilte Choreografie. Dabei sind die Studenten allesamt keine Profis auf diesem Gebiet. Für sie ist das Puppenspiel nur Hobby.

Gegründet wurde das Hipp-Puppentheater im Jahr 2011 in der Theater-Werkstatt der Staatlichen Kunstakademie in Georgien von dem Pfaffenhofener Unternehmer und Künstler Claus Hipp und dem Kunstprofesssor Giga Lapiashvili, um die georgische Tradition des Stabpuppen-Theaters neu zu beleben.

Seitdem touren die Kunststudenten von Tiflis regelmäßig durch die Lande und machen dabei auch immer wieder Station beim Festival von Gut Immling. Im Gepäck mit dabei haben sie jedes Jahr neue Puppen und eine neue Inszenierung. Aufgeführt wurde unter anderem die bekannte Dreigroschenoper. Seit einigen Jahren gehen die Studenten aber mehr und mehr dazu über, sich auch bei der Auswahl des Stückes ganz auf ihre eigene Fantasie zu verlassen.

Im vergangenen Jahr nahmen sie sich, beginnend bei dem biblischen Sündenfall, schicksalhafter Begegnungen zwischen Mann und Frau an. Diesmal ging es um große Heldentaten. Den Anfang machte Herakles, der stärkste Mensch der Welt. Mit ihm zusammen stürmten zahlreiche andere Helden und Götter die Bühne. Schon dank ihrer einfallsreichen und an die heutige Zeit angepasste Gestaltung gab es da für das Publikum viel zu lachen. Weiter ging es mit Moses, Asterix, Wilhelm Tell und Ilja Muromez, Aljosha Popowitsch und Dobrynja Nikititsch – drei Heldengestalten der russischen Märchen- und Sagenwelt.

Bei der Fassung der Puppenspieler aus Georgien ging aber keine dieser Heldengeschichten so aus, wie man sie allgemein kennt. Für die Studenten steht fest, dass die Erzähler im Laufe der Zeit die Inhalte immer weiter verändert und ausgeschmückt haben. Niemand wisse heutzutage mehr, was wirklich dran war an den Heldentaten. Die „Helden“ der Studenten erweisen sich darum schlussendlich allesamt als gar nicht so heldenhaft. Am Schluss der Vorführung gab es viel Applaus – für die Puppenspieler, aber auch für die Puppen.

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