Rohrdorf – Es ist kein Geheimnis, dass das klassikreiche Oberbayern in Sachen Originalklang eine Randzone ist. Selbst die internationale Musikmetropole München hinkt in der historischen Aufführungspraxis deutlich hinterher. Die zentralen Entwicklungen wurden jäh verschlafen. Umso bedeutender ist es, was Festivo auf diesem Gebiet auf die Beine stellt. Seit nunmehr 27 Jahren leistet das Kammermusik-Festival in Aschau gezielt Entwicklungshilfe im Originalklang.
Hierzu werden alljährlich im Sommer profilierte Spitzenkräfte der Szene in den Chiemgau geladen, um Ohren zu öffnen und Hörkonventionen kritisch zu befragen – so auch jetzt wieder. Im schönen Foyer von Schattdecor in Thansau fanden sich drei führende Originalklang-Bläser ein, um Werke von Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven ganz neu zu reflektieren – frisch und befreit.
So steht Pierre-Antoine Tremblay für einen fein nuancierten Naturhorn-Klang. Der Franko-Kanadier lebt gegenwärtig in Barcelona und arbeitet regelmäßig mit dem Freiburger Barockorchester. Bei diesem führenden Spitzenensemble der Szene ist wiederum Javier Zafra festes Mitglied. Der Fagottist aus Alicante hat zudem mit Originalklang-Pionieren wie Gustav Leonhard, Philippe Herreweghe und René Jacobs musiziert.
Nicht zuletzt konzertiert Zafra oft mit dem Ensemble „Anima Aeterna“ von Jos van Immerseel aus Brügge – wie auch Eric Hoeprich. Der Klarinettist zählt wiederum zu den Gründungsmitgliedern des „Orchestra of the 18th Century“ von Frans Brüggen sowie des Stadler-Trios. Über 100 historische Klarinetten hat der gebürtige Kalifornier in seiner privaten Sammlung. Mit einer aus Buchsbaum-Holz konzertierte er nun bei Festivo.
Die Besonderheit dieser Instrumente hat Hoeprich beim Konzert erklärt: zwischen den zwei Sätzen des „Dritten Duos“ für Klarinette und Fagott von Beethoven. Erst später wurden die heutigen Klappen-Systeme erfunden. Dafür aber eignet sich das Buchsbaum-Holz bestens für feinste dynamische Ausschattierungen im Klang. Beim Naturhorn fehlen hingegen die heutigen Ventile. Durch das Stopfen des Trichters mit der Hand lassen sich aber alle Töne der Tonleiter spielen. Wie Tremblay erklärte, wurde diese Spieltechnik von dem Hornisten Anton Joseph Hampel entwickelt.
Bei den Aufführungen selber wurde man Zeuge, zu welch einzigartigen Farbgebungen und Ausdrücken die echten Holzblas-Instrumente fähig sind. Das zeigte sich vor allem im Hornquintett KV 407 von Mozart und im Septett op. 20 von Beethoven, wo auch Streicher vorgesehen sind. Hier spielten Alexander Janiczek (Violine), Festivo-Leiter Johannes Erkes und Jürg Dähler (Bratschen) sowie Petr Salka (Cello) und Dane Roberts (Kontrabass) nicht auf den heute üblichen Stahlsaiten, sondern auf Darmsaiten.
Die Verbindung der historischen Holzbläser mit alten Darmsaiten ließ die bekannten Meisterwerke wie neu erscheinen. Verschüttete Klangwelten wurden neu erschlossen. Noch dazu offenbarte das Spiel der Musiker, dass Originalklang keineswegs dogmatisch, trocken und spröde klingen muss. Hier glühte und brannte eine Virtuosität im besten Sinn. Das Ergebnis waren Hörkrimis allererster Güte.