Amerang – Ganz am Schluss, bei der zweiten und letzten Zugabe, lassen die Sänger die Mikrofone beiseite und singen völlig a cappella innig und berührend „Fia di“ von Hubert von Goisern. Davor haben sie eine urkomische, aber stimmlich perfekt sitzende Bee-Gees-Parodie – der schlaksige Tenor mit obligater weißer Schlaghose und Plateausohlen – auf die Bretter gelegt, die sich fast selber biegen vor Lachen. Sie, das sind die fünf Sänger und die Sängerin der Popgruppe „Cash-n-go“. Sie stammt aus Augsburg und gehört zu den weitaus besten ihrer Art. Auf Schloss Amerang waren sie nun schon zum dritten Mal zu Gast, und sie werden immer besser. Das Publikum klatscht, tobt und pfeift und ist am Ende ganz aus dem Häuschen: zu Recht.
Die beiden Zugaben haben nämlich exemplarisch gezeigt, was die Sänger draufhaben: Sie haben alle ohne Ausnahme hervorragende Stimmen, die sie für ihre Popsongs virtuos handhaben, die sie variieren, dimmen, wachsen oder aufheulen lassen können. Und sie entwickeln auf der Bühne eine ganz natürlich wirkende, doch choreografisch exakt ausgearbeitete Show, die auch dramaturgisch klug aufgebaut ist, ohne Durchhänger und scheinbar ohne Atempausen-Nummern. Sie witzeln mit den Zuhörern, ohne albern zu werden, sie frozzeln sich selbstironisch gegenseitig an und verschonen auch den Rezensenten nicht mit ihren Witzen.
An diesem Abend war der Neuzugang, der 22-jährige Julian, die Zielscheibe der Frozzeleien. Der pumpt mit seiner phänomenal guten, hellklaren und immer wieder ganz entflammten Popstimme frische Energie in die Truppe.
„Von völlig losgelöst“
bis „No roots“
Ob „Völlig losgelöst“ von Peter Schilling und „Sie ist ein Model“ von Kraftwerk mit einem Bügelbrett als Synthesizer, ob das so wunderbar swingende „Top on the world“ der Carpenters, das in dichtem Close-Harmony gehaltene „Smile“ von Charlie Chaplin, die ausdrucksvoll gesungene Softrock-Ballade „Bridge over troubled water“ von Simon & Garfunkel, ob das so herzlich klingende „Once I was seveb years old“ von Lukas Graham oder das so leichtklingende, aber rhythmisch punktgenaue „No roots“ von Alice Merton, ob Songs von Chicago, Filmmusiktitel aus der „Hobbit-Trilogie“ oder der Blödelsong von „Die Mütter“ („In jeder Frau steckt ein Stück Hefe“): Für jeden Song findet die Gruppe ein passendes Arrangement, groovt sich in jeden Rhythmus richtig ein.
„A ganz nettes Lied aus England“ entpuppt sich als „Bohemian Rhapsody“ von Queen, so emphatisch-wehmütig wie rhythmisch voranjagend gesungen, dass das Publikum schier aufheult vor Begeisterung. Vor einem roten Plüschvorhang imitiert der schlaksige Tenor mit durchdringender Kopfstimme und groß rollendem „r“ Edith Piaf („Je ne rrrregrrrrette rrrien“), bei der Bollywood-Filmmusik klatschen die Zuhörer höchst animiert mit. Der zündende Schlusspunkt ist das ESC-Medley: 36 Lieder in 16 Minuten! Jubel, Toben und Hochstimmung – dieses Gesangsensemble ist wirklich „top of the world“.